Redaktioneller Rahmen
- Grundlage sind John Stuart Mills Collected Works, herausgegeben von John M. Robson: Band XVIII · On Liberty und Band X · Utilitarianism.
- Aufgenommen sind Personen, die Mill selbst nennt oder eindeutig bezeichnet.
- Die alphabetische Ordnung folgt dem gebräuchlichen Ordnungsnamen: Neuzeitliche Personen stehen unter ihrem Nachnamen, antike Mononyme und Herrschernamen unter der geläufigen Namensform.
Akbar
1542–1605 · HERRSCHER DES MOGULREICHS
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- On Liberty · Kap. I
- Textgrundlage
- Collected Works, Bd. XVIII
Mill nennt Akbar im ersten Kapitel von On Liberty – Collected Works, Bd. XVIII, hg. von John M. Robson, als er den Geltungsbereich seines Freiheitsprinzips begrenzt. Dieses gelte nicht für Gesellschaften, deren Mitglieder nach seiner Auffassung noch nicht fähig seien, sich durch «free and equal discussion» weiterzuentwickeln. Für solche Gesellschaften könne Despotismus legitim sein, sofern er tatsächlich ihrer Verbesserung diene. Bis dahin bleibe ihnen, so Mill, «implicit obedience to an Akbar or a Charlemagne», wenn sie das Glück hätten, einen solchen Herrscher zu finden. Die Passage gehört unmittelbar zu Mills eigener Einschränkung des Freiheitsprinzips.
Akbar regierte das Mogulreich von 1556 bis 1605. Seine Herrschaft brachte weitreichende Veränderungen der Verwaltung und des religiösen Establishments. Seit 1575 fanden an seinem Hof organisierte religiöse Diskussionen statt, die später auch für Hindus, Jainas, Zoroastrier und Christen geöffnet wurden. Um 1579/80 übernahm Akbar ṣulḥ-i kull, «Frieden mit allen», als Leitgedanken seiner Religionspolitik. Die Encyclopaedia Iranica – Akbar I betont zugleich, dass sich diese Politik erst im Verlauf seiner Herrschaft entwickelte. Akbar sollte deshalb nicht rückwirkend als von Anfang an gleichbleibend toleranter Herrscher dargestellt werden.
Bei Mill markiert Akbar damit eine wichtige Grenze des Freiheitsprinzips. Sobald Menschen nach seiner Auffassung durch Überzeugung und Diskussion zur eigenen Entwicklung fähig sind, darf Zwang nicht mehr mit ihrem eigenen Wohl begründet werden. Welche konkreten Eigenschaften oder politischen Massnahmen des historischen Akbar Mill bei seiner Nennung vor Augen hatte, sagt On Liberty nicht. Darüber lässt sich aus dieser Stelle allein keine sichere Aussage machen.
Weiterführend: Abu'l-Fazl, Akbarnama – die unter Akbar entstandene offizielle Chronik seiner Herrschaft; zur Entstehung und Überlieferung siehe auch Encyclopaedia Iranica – Akbar-nama.
Alkibiades
451/450–404/403 V. CHR. · ATHENISCHER POLITIKER UND FELDHERR
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- On Liberty · Kap. III
- Textgrundlage
- Collected Works, Bd. XVIII
Alkibiades erscheint in Kapitel III von On Liberty – Collected Works, Bd. XVIII, hg. von John M. Robson, in Mills Verteidigung der Individualität. Mill stellt dort «Pagan self-assertion», heidnische Selbstbehauptung, neben «Christian self-denial», christliche Selbstverleugnung. Das griechische Ideal der Selbstentwicklung werde durch das platonische und christliche Ideal der Selbstregierung ergänzt, aber nicht ersetzt. Dann folgt sein Vergleich: Es könne besser sein, ein John Knox als ein Alkibiades zu sein; besser als beide sei jedoch Perikles.
Der Vergleich setzt ein bekanntes Alkibiades-Bild voraus. Nach dem Oxford Classical Dictionary – Alcibiades war Alkibiades ein athenischer Politiker und Feldherr, dessen aussergewöhnliche politische Begabung mit grossem Ehrgeiz und einer aussergewöhnlich wechselvollen Laufbahn verbunden war. Besonders aufschlussreich für Mills Vergleich ist Thukydides, Geschichte des Peloponnesischen Krieges VI, 15. Thukydides beschreibt Alkibiades als besonders entschiedenen Befürworter der Sizilienexpedition und nennt neben dem politischen Konflikt mit Nikias ausdrücklich seinen Wunsch nach persönlichem Ansehen und Reichtum. Zugleich beurteilt er seine militärische Führung keineswegs als unfähig.
Mill erklärt nicht ausdrücklich, welche einzelnen Eigenschaften des historischen Alkibiades er mit seinem Vergleich hervorheben will. Sicher ist nur der Zusammenhang des Absatzes: Alkibiades erscheint innerhalb einer Gegenüberstellung von Selbstentwicklung, Selbstbehauptung und Selbstregierung. Auch Knox ist für Mill nicht das höchste Ideal. Perikles sei besser als beide und würde zugleich nichts von dem Guten vermissen, das Knox besass. Die Passage verbindet damit verschiedene Seiten menschlicher Entwicklung, statt eine von ihnen allein zum Massstab zu machen.
Weiterführend: Thukydides, Geschichte des Peloponnesischen Krieges, besonders Buch VI · Plutarch, Alkibiades
Aristoteles
384–322 V. CHR. · GRIECHISCHER PHILOSOPH
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- On Liberty · Kap. II
- Textgrundlage
- Collected Works, Bd. XVIII
Aristoteles erscheint in Kapitel II von On Liberty innerhalb von Mills Verteidigung freier Diskussion. Mill entwirft dort das Bild eines mit der Geschichte vertrauten Menschen, der in Sokrates und Jesus moralische Grösse erkennen könne, ohne deshalb die eigenen Überzeugungen preiszugeben. In diesem Zusammenhang nennt er Sokrates die Quelle der platonischen Inspiration und der «judicious utilitarianism of Aristotle» – des besonnenen Utilitarismus des Aristoteles.
Die Formulierung gehört zu Mills eigener historischen Einordnung. Sie macht Aristoteles nicht zu einem Utilitaristen im modernen technischen Sinn. Aristoteles bestimmt das gute menschliche Leben durch eudaimonia, tugendgemässe Tätigkeit und praktische Urteilskraft; Mill hebt mit seiner Wendung eine von ihm wahrgenommene nüchterne Orientierung am menschlich Guten hervor.
Für Mills Argument ist entscheidend, dass gründliche Kenntnis anderer Denktraditionen eine Überzeugung nicht notwendig zerstört. Sie kann sie differenzieren und zugleich die geistige Leistung gegnerischer oder fremder Positionen sichtbar machen. Aristoteles dient ihm dafür als positives Beispiel; eine ausführliche Deutung seiner Ethik bietet die Stelle nicht.
On Liberty, Kapitel II, CW XVIII, S. 235 – Robson/OLL.
Weiterführend: Stanford Encyclopedia of Philosophy, «Aristotle’s Ethics» – zur Eigenart der aristotelischen Ethik und zur Abgrenzung von modernen konsequentialistischen Theorien.
Arnold von Brescia
ENDE 11./ANFANG 12. JAHRHUNDERT–1155 · ITALIENISCHER REGULARKANONIKER, PREDIGER UND KIRCHENREFORMER
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- On Liberty · Kap. II
- Textgrundlage
- Collected Works, Bd. XVIII
Arnold von Brescia erscheint in Kapitel II von On Liberty in derselben Reihe unterdrückter Reformgestalten wie Fra Dolcino und Savonarola. Mill schreibt knapp: «Arnold of Brescia was put down.» Das Beispiel gehört zu seiner Widerlegung der Vorstellung, eine wahre Lehre müsse sich allein aufgrund ihrer Wahrheit langfristig gegen Verfolgung durchsetzen.
Der historische Arnold war ein Kirchenreformer des 12. Jahrhunderts. Aufgrund der wenigen, oft parteilichen und untereinander abweichenden Quellen lässt sich seine Lehre nicht zu einem vollständig gesicherten System rekonstruieren. Relativ deutlich erkennbar sind jedoch sein asketisches Reformideal, seine Kritik am weltlichen Besitz und an der politischen Macht kirchlicher Amtsträger sowie seine Verbindung mit den Konflikten um die römische Kommune.
1155 wurde Arnold hingerichtet. Sein Körper wurde anschliessend verbrannt und seine Überreste in den Tiber geworfen, um sie der Verehrung zu entziehen. Die mittelalterlichen Quellen unterscheiden sich allerdings darin, wem die unmittelbare Verantwortung für seine Hinrichtung zuzuschreiben ist. Eine eindeutige Behauptung, Papst Hadrian IV. habe persönlich seine Tötung angeordnet, würde die Quellenlage daher zu stark vereinfachen.
Auch Mills «was put down» darf nicht als vollständige Auslöschung jeder mit Arnold verbundenen Reformidee verstanden werden. Spätere Quellen kennen Gruppen, die als «Arnaldisten» bezeichnet wurden; daraus lässt sich jedoch keine einfache, ununterbrochene institutionelle Fortsetzung einer von Arnold selbst gegründeten Sekte ableiten.
Vor allem sollte Arnold nicht rückwirkend zu einem einfachen «Protestanten vor Luther» gemacht werden. Mills Reihe verbindet Arnold, Dolcino, Savonarola, Albigenser, Waldenser, Lollarden und Hussiten aufgrund ihres Schicksals unter Verfolgung. Sie behauptet keine einheitliche Theologie zwischen diesen sehr verschiedenen Personen und Bewegungen.
On Liberty, Kapitel II, CW XVIII, S. 238 – Robson/OLL – Collected Works XVIII
Weiterführend: Arsenio Frugoni, Arnaldo da Brescia nelle fonti del secolo XII, erstmals 1954; neuere Ausgabe mit Einführung von Jean-Claude Maire Vigueur, Il Mulino 2021 – die grundlegende quellenkritische Untersuchung, die die widersprüchlichen mittelalterlichen Zeugnisse bewusst getrennt analysiert und spätere Legendenbildungen von historisch belastbaren Aussagen unterscheidet. Aktuelle Ausgabe bei Darwinbooks
Alexander Bain
1818–1903 · SCHOTTISCHER PHILOSOPH UND PSYCHOLOGE
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- Utilitarianism · Kap. V
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- Collected Works, Bd. X
Alexander Bain wird in einer von Mill selbst verfassten Fussnote zu Kapitel V von Utilitarianism genannt. Mill untersucht dort die Entstehung des Gerechtigkeitsbegriffs und warnt davor, aus der Herkunft eines Wortes unmittelbar auf seine gegenwärtige Bedeutung zu schliessen. Etymologie sei nur ein schwacher Beleg für das, was eine Vorstellung heute bedeute, aber ein besonders guter Hinweis darauf, wie sie entstanden sei.
Für diesen methodischen Punkt verweist Mill auf Bain und dessen Kapitel «The Ethical Emotions, or the Moral Sense» in The Emotions and the Will. Er nennt es ausdrücklich ein bewundernswertes Kapitel in einem umfassenden Werk über den Geist. Bain dient ihm hier also als zeitgenössische psychologische Stütze für die Untersuchung moralischer Gefühle; Mill übernimmt nicht einfach Bains gesamte Theorie.
Die Editionsgeschichte ist klein, aber aufschlussreich: In der Zeitschriftenfassung von 1861 steht «Mr. Bain», in späteren Buchausgaben «Professor Bain». Die sachliche Bezugnahme bleibt dieselbe. Robsons Apparat identifiziert das genannte zweite der beiden Werke als The Emotions and the Will von 1859.
Utilitarianism, Kapitel V, CW X, S. 246 Anm. – Robson/OLL.
Weiterführend: Alexander Bain, The Emotions and the Will, Kapitel «The Ethical Emotions, or the Moral Sense» – der von Mill ausdrücklich angeführte Primärtext.
Jeremy Bentham
1748–1832 · ENGLISCHER PHILOSOPH, JURIST UND SOZIALREFORMER
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- Utilitarianism · Kap. I, II, V
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- Collected Works, Bd. X
Bentham ist die wichtigste historische Bezugsperson in Utilitarianism. Bereits im ersten Kapitel schreibt Mill, das Nützlichkeitsprinzip habe – «as Bentham latterly called it» – später den Namen «greatest happiness principle» erhalten. Im zweiten Kapitel spannt er eine Linie «from Epicurus to Bentham» und verteidigt die Tradition der Lustethik gegen den Vorwurf, sie reduziere das gute Leben auf niedrige Vergnügungen.
Die Nähe schliesst Differenzen nicht aus. Bei der Unterscheidung zwischen Absicht und Motiv nennt Mill Bentham als den Denker, der diesen Unterschied besonders nachdrücklich vertreten habe. Zugleich entwickelt Mill mit der Rangordnung höherer und niedrigerer Freuden eine Fassung des Utilitarismus, die nicht einfach mit Benthams Theorie gleichgesetzt werden darf.
In Kapitel V schreibt Mill Bentham den Satz «everybody to count for one, nobody for more than one» zu und deutet ihn als Kommentar zur unparteiischen Berücksichtigung gleichen Glücks. Robsons Apparat vermerkt jedoch ausdrücklich, dass sich dieser genaue Wortlaut in Benthams Schriften nicht nachweisen liess. Gesichert ist deshalb Mills Zuschreibung; nicht gesichert ist, dass Bentham die bekannte Formel genau so geprägt hat.
Utilitarianism, Kapitel I, CW X, S. 207; Kapitel II, S. 209 und 219; Kapitel V, S. 257 – Robson/OLL.
Weiterführend: Stanford Encyclopedia of Philosophy, «Jeremy Bentham» – zu Benthams Utilitarismus und seinem Verhältnis zur späteren Tradition.
Johannes Calvin
1509–1564 · FRANZÖSISCH-SCHWEIZERISCHER REFORMATOR UND THEOLOGE
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- On Liberty · Kap. II, III
- Textgrundlage
- Collected Works, Bd. XVIII
Calvin erscheint in On Liberty in zwei verschiedenen Zusammenhängen. In Kapitel II bemerkt Mill, eine Lehre könne durch die besonderen Umstände einer kleinen Gruppe lebendig bleiben, während allgemein verbreitete Glaubenssätze zu blossen Formeln erstarrten. Als Beispiel nennt er Lehren, die «by Calvin, or Knox» geprägt worden seien: Für ihre engeren Anhänger könnten sie lebendiger sein als die allgemein anerkannten Aussprüche Christi.
In Kapitel III wendet sich Mill scharf gegen das, was er «the Calvinistic theory» nennt. Er beschreibt diese Theorie als Misstrauen gegen den Eigenwillen und als Forderung, alle selbständigen Anlagen dem Gehorsam zu unterwerfen. Dem stellt er eine Auffassung menschlicher Entwicklung gegenüber, in der Individualität und die Ausbildung eigener Fähigkeiten einen positiven Wert besitzen.
Diese Passage ist eine polemische Konstruktion Mills, keine neutrale Zusammenfassung der gesamten Theologie Calvins. Calvins Denken umfasst weit mehr als die von Mill isolierte Gegenposition; auch der historische Calvinismus war nicht einheitlich. Wissenschaftlich sicher ist, welche Züge Mill seinem Gegenbild zuschreibt und wofür er es in seinem Argument verwendet. Eine vollständige Calvin-Deutung lässt sich daraus nicht ableiten.
On Liberty, Kapitel II, CW XVIII, S. 250; Kapitel III, S. 265–266 – Robson/OLL.
Weiterführend: John Calvin, Institutio Christianae Religionis – als Primärtext zu Calvins eigener Theologie; Mills knappe Charakterisierung ist an diesem umfangreicheren Zusammenhang zu prüfen.
Thomas Carlyle
1795–1881 · SCHOTTISCHER ESSAYIST, HISTORIKER UND SOZIALKRITIKER
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- On Liberty & Utilitarianism · Kap. II, III
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- Collected Works, Bde. XVIII und X
Carlyle wird in Kapitel II von Utilitarianism ausdrücklich genannt. Mill behandelt dort den Einwand, Glück könne kein vernünftiger Lebenszweck sein. Auf die spöttische Frage «What right hast thou to be happy?» folge bei Carlyle die Zuspitzung: «What right, a short time ago, hadst thou even to be?» Mill führt Carlyle damit als besonders pointierte Stimme gegen einen vermeintlichen Anspruch auf Glück an.
Robsons Apparat weist Carlyles Sartor Resartus als Quelle dieser indirekt wiedergegebenen Frage nach. Unmittelbar anschliessend nennt Mill die deutsche Entsagen, die Entsagung, als vermeintliche Voraussetzung jeder Tugend. Sprachlich ist dabei zu unterscheiden: Den zugespitzten Satz schreibt Mill Carlyle namentlich zu; das folgende Entsagungsargument gibt er allgemeiner als Einwand einer Gruppe von Gegnern wieder.
Mill bestreitet nicht, dass Selbstverzicht moralischen Wert haben kann. Entscheidend ist für ihn, wozu er dient: Wer auf eigenes Glück verzichtet, um das Glück anderer zu vermehren, kann gerade dadurch utilitaristisch handeln; nutzlose Entsagung besitzt dagegen keinen selbständigen moralischen Rang. Carlyles Satz steht somit an einer Stelle, an der Mill Opferbereitschaft und Glücksprinzip miteinander vermittelt.
Daneben enthält Kapitel III von On Liberty eine nicht namentliche Kritik am «hero-worship», das den starken Mann für die gewaltsame Formung der Gesellschaft feiert. Robson bezeichnet diese zweite Stelle als zweifellose Anspielung auf Carlyles On Heroes, Hero-Worship, and the Heroic in History. Hier stammt die Identifikation aus dem editorischen Apparat; anders als in Utilitarianism nennt Mill Carlyle an dieser Stelle nicht selbst.
Utilitarianism, Kapitel II, CW X, S. 214; On Liberty, Kapitel III, CW XVIII, S. 269, mit Robsons editorischer Anmerkung – Robson/OLL (Bd. X) · Robson/OLL (Bd. XVIII).
Weiterführend: Thomas Carlyle, Sartor Resartus, Buch II, Kapitel IX – die Quelle der von Mill zugespitzten Frage; ergänzend On Heroes, Hero-Worship, and the Heroic in History zur editorisch identifizierten Anspielung in On Liberty.
Cicero
106–43 V. CHR. · RÖMISCHER POLITIKER, REDNER UND PHILOSOPH
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- On Liberty · Kap. II
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- Collected Works, Bd. XVIII
Wer nur die eigene Seite eines Streits kennt, kennt nach Mill auch diese nur unzureichend. In Kapitel II von On Liberty führt er dafür Cicero an. Der grosse Redner der Antike habe den Fall seines Gegners mindestens ebenso intensiv studiert wie seinen eigenen. Was Cicero als Mittel zum Erfolg vor Gericht praktiziert habe, müsse jeder übernehmen, der eine strittige Frage wirklich verstehen wolle. On Liberty, Kapitel II, CW XVIII, S. 245 – Robson/OLL
Mill verlangt damit mehr als die blosse Kenntnis gegnerischer Argumente. Man müsse sie von Menschen kennenlernen, die sie tatsächlich vertreten und in ihrer stärksten überzeugenden Form vorbringen können. Erst wer die Gründe beider Seiten kennt und auf sie antworten kann, besitzt für Mill eine begründete Überzeugung. Ciceros forensische Praxis dient ihm deshalb als Beispiel für eine allgemeine intellektuelle Haltung: Eine Gegenposition soll nicht in ihrer schwächsten, sondern möglichst in ihrer stärksten Form geprüft werden.
Welche konkrete antike Quelle Mill für seine Bemerkung über Cicero heranzog, sagt er nicht. Auch Robsons textkritischer Apparat weist dafür keine bestimmte Cicerostelle nach. Eine solche Quelle lässt sich Mill hier deshalb nicht sicher zuordnen.
Weiterführend: Cicero, De oratore – Scaife/Perseus – zur ciceronischen Theorie der Redekunst; nicht als gesicherte Quelle von Mills konkreter Bemerkung.
Auguste Comte
1798–1857 · FRANZÖSISCHER PHILOSOPH UND BEGRÜNDER DES POSITIVISMUS
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- On Liberty · Kap. I
- Textgrundlage
- Collected Works, Bd. XVIII
Gesellschaftlicher Zwang muss für Mill nicht vom Staat ausgehen. Schon im ersten Kapitel von On Liberty nennt er Auguste Comte als besonders weitgehendes modernes Beispiel. Dessen im Système de politique positive entwickeltes Gesellschaftssystem ziele, so Mills Urteil, auf einen «despotism of society over the individual» – einen gesellschaftlichen Despotismus über das Individuum –, der sogar stärker durch moralische als durch gesetzliche Mittel ausgeübt werde. On Liberty, Kapitel I, CW XVIII, S. 227 – Robson/OLL
Genau diese Art von Macht gehört zum Kernproblem von On Liberty. Öffentliche Meinung, moralische Erwartungen und sozialer Druck können die Lebensführung des Einzelnen auch dort normieren, wo kein Gesetz eingreift. Comte dient Mill als besonders weitreichendes Gegenmodell zu einer Gesellschaft, die Individualität und unterschiedliche Lebensformen schützt.
Das von Mill ausdrücklich genannte Système de politique positive, ou Traité de sociologie, instituant la religion de l’humanité erschien von 1851 bis 1854 in vier Bänden. In diesem späten System weist Comte der «Religion der Menschheit» auch eine moralische Funktion für das Verhalten des Einzelnen und eine politische Funktion für den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu. Das erklärt den sachlichen Hintergrund von Mills Kritik. Die Bezeichnung als «despotism» ist jedoch Mills eigene wertende Charakterisierung und darf nicht als Comtes Selbstbeschreibung gelesen werden.
Weiterführend: Auguste Comte, Système de politique positive – Catalogue collectif de France/BnF; Stanford Encyclopedia of Philosophy: Auguste Comte.
John Llewelyn Davies
1826–1916 · BRITISCHER THEOLOGE, ANGLIKANISCHER GEISTLICHER UND ÜBERSETZER
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- Utilitarianism · Kap. II
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- Collected Works, Bd. X
Ein Einwand von John Llewelyn Davies zwingt Mill in Utilitarianism zu einer genaueren Unterscheidung zwischen Motiv und Intention. Davies fragt am Beispiel eines Ertrinkenden, ob dessen Rettung tatsächlich unabhängig vom Motiv moralisch richtig genannt werden könne: Was wäre von einem Tyrannen zu halten, der einen Feind nur deshalb rettet, um ihn anschliessend foltern zu können?
Mill antwortet, dass in diesem Fall nicht lediglich das Motiv ein anderes sei. Auch das beabsichtigte Handeln unterscheide sich. Die Rettung ist nur der erste Schritt eines umfassenderen Vorhabens. Entscheidend sei deshalb die intention, also das, was der Handelnde tatsächlich zu tun beabsichtigt. Das motive, der Beweggrund des Handelns, könne dagegen für die moralische Beurteilung der Person wichtig sein, ohne dadurch die moralische Beschaffenheit einer ansonsten gleichen Handlung zu verändern. Utilitarianism, Kapitel II, CW X, S. 219 Anm. – Robson/OLL
Editorisch ist die Stelle besonders interessant. Die Fussnote fehlt in der ursprünglichen Zeitschriftenfassung von 1861 und in der ersten Buchausgabe von 1863; Mill nahm sie mit der zweiten Auflage von 1864 auf. Robsons Register bezeichnet die Quelle von Davies’ Einwand als einen Privatbrief, der nicht aufgefunden wurde. Die genaue Form des ursprünglichen Austauschs lässt sich daher nicht mehr kontrollieren.
Davies war Theologe, Geistlicher und Übersetzer und gehörte zu Mills zeitgenössischem intellektuellem Umfeld. Für Utilitarianism ist vor allem dieser konkrete Einwand bedeutsam: Mill nutzt ihn, um eine schwierige begriffliche Grenze seiner Handlungstheorie ausdrücklich nachzuschärfen.
Weiterführend: Michael Ridge, «Mill’s Intentions and Motives», Utilitas 14/1 (2002), S. 54–70 – Cambridge Core.
Fra Dolcino
2. HÄLFTE DES 13. JAHRHUNDERTS–1307 · RELIGIÖSER PREDIGER UND FÜHRER DER APOSTOLIKER
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- On Liberty · Kap. II
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«Fra Dolcino was put down.» Mit diesem knappen Satz reiht Mill Dolcino in Kapitel II von On Liberty unter mehrere vorreformatorische Personen und Bewegungen ein, die erfolgreich unterdrückt wurden. Unmittelbar zuvor verwirft er den Satz, Wahrheit werde sich allein aufgrund ihrer Wahrheit zwangsläufig gegen Verfolgung durchsetzen. On Liberty, Kapitel II, CW XVIII, S. 238 – Robson/OLL
Über Dolcinos Herkunft und frühes Leben ist nur wenig sicher bekannt; auch sein Geburtsjahr ist unbekannt. Nach der Hinrichtung Gerardo Segarellis im Jahr 1300 übernahm Dolcino die Führung der Apostoliker. Die Bewegung wurde verfolgt, Dolcinos Anhänger leisteten zeitweise bewaffneten Widerstand. 1307 wurde er gefangen genommen und hingerichtet. Einzelheiten seiner Herkunft und frühen Biographie werden in den Quellen unterschiedlich oder nur hypothetisch angegeben und sollten deshalb nicht weiter festgelegt werden.
Für Mills Argument ist Dolcinos Lehre selbst nicht entscheidend. Er untersucht an dieser Stelle weder ihre Wahrheit noch ihren theologischen Gehalt. Der historische Fall soll einen engeren Punkt belegen: Eine Auffassung oder Bewegung kann durch genügend wirksame Verfolgung tatsächlich aus dem öffentlichen Leben verdrängt werden. Ihr historisches Unterliegen beweist daher nicht, dass sie falsch war – ebenso wenig erklärt Mill Dolcinos Lehre durch seine Nennung für wahr.
Weiterführend: Treccani, «Dolcino, fra» – Dizionario di Storia.
Elisabeth I. von England
1533–1603 · KÖNIGIN VON ENGLAND UND IRLAND
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- On Liberty · Kap. II
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- Collected Works, Bd. XVIII
«Most likely» ist für diese Stelle entscheidend. Mill stellt in Kapitel II von On Liberty keine feststehende historische Tatsache über Elisabeth I. fest, sondern formuliert eine kontrafaktische Einschätzung. Nachdem er darauf hingewiesen hat, dass der Protestantismus in Spanien, Italien, Flandern und im österreichischen Herrschaftsbereich zurückgedrängt worden sei, meint er, dies wäre höchstwahrscheinlich auch in England geschehen, wenn Maria I. länger gelebt oder Elisabeth früher gestorben wäre. On Liberty, Kapitel II, CW XVIII, S. 238 – Robson/OLL
Der historische Hintergrund ist der mehrfache konfessionelle Wechsel der englischen Monarchie. Während der Regierungszeit Marias I. von 1553 bis 1558 wurde die Verbindung zur römischen Kirche wiederhergestellt. Elisabeth bestieg 1558 den Thron. Der Act of Supremacy von 1559 machte sie zur Supreme Governor der Church of England; der Act of Uniformity desselben Jahres setzte eine überarbeitete Form des Book of Common Prayer durch. Diese Ordnung war protestantisch ausgerichtet, behielt jedoch einzelne katholische Elemente bei.
Ob der Protestantismus ohne Elisabeth tatsächlich dauerhaft aus England verdrängt worden wäre, kann historische Forschung nicht als Tatsache feststellen: Die nicht eingetretene Entwicklung ist prinzipiell kontrafaktisch. Mills Aussage muss deshalb genau als das gelesen werden, was sie ist – eine historische Wahrscheinlichkeitseinschätzung innerhalb seines Arguments. Sein allgemeiner Punkt ist klarer als die konkrete Prognose: Das Überleben einer Lehre hängt nicht allein von ihrer Wahrheit ab, sondern auch von politischen Machtverhältnissen und historischen Umständen.
Weiterführend: UK Parliament, Act of Uniformity 1559.
Epikur
341–270 V. CHR. · GRIECHISCHER PHILOSOPH UND BEGRÜNDER DES EPIKUREISMUS
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- Utilitarianism · Kap. II
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- Collected Works, Bd. X
Von «Epicurus to Bentham» spannt Mill in Kapitel II von Utilitarianism eine lange historische Linie. Die Vertreter der Nützlichkeitstheorie hätten unter dem Nützlichen, schreibt er, nicht etwas verstanden, das der Lust entgegengesetzt sei, sondern Lust selbst und die Freiheit von Schmerz. Unmittelbar danach erinnert er daran, dass bereits die Epikureer wegen ihrer Lustlehre als Vertreter einer angeblich niedrigen, nur für Schweine geeigneten Moral verspottet worden seien. Utilitarianism, Kapitel II, CW X, S. 209–211 – Robson/OLL
Mill stellt Epikur damit in eine Vorgeschichte des utilitaristischen Hedonismus. Das ist für seine Verteidigung wichtig, weil er gerade den verbreiteten Schluss zurückweist, eine Ethik der Lust müsse notwendig auf körperliche oder kurzfristige Befriedigung reduziert werden. Anschliessend entwickelt Mill seine eigene Unterscheidung zwischen höheren und niedrigeren Freuden.
Auch Epikurs Ethik war wesentlich differenzierter als das antike Zerrbild. Lust ist bei ihm das höchste Gut, wobei insbesondere körperliche Schmerzfreiheit und die Freiheit von psychischer Beunruhigung eine zentrale Rolle spielen. Mill und Epikur teilen damit einen hedonistischen Ausgangspunkt, aber nicht dieselbe Moraltheorie.
Epikur sollte deshalb nicht rückwirkend als Utilitarist im modernen technischen Sinn bezeichnet werden. Seine Ethik fragt in erster Linie nach den Bedingungen des guten und glücklichen Lebens; der klassische Utilitarismus beurteilt Handlungen dagegen nach ihren Folgen für das Wohlergehen aller Betroffenen.
Weiterführend: Geoffrey Scarre, «Epicurus as a Forerunner of Utilitarianism», Utilitas 6/2 (1994), S. 219–231 – Cambridge Core – unmittelbar zur Frage, in welchem Sinn Epikur als Vorläufer des Utilitarismus gelten kann und wo die Unterschiede liegen.
John Galt
1779–1839 · SCHOTTISCHER SCHRIFTSTELLER
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- Utilitarianism · Kap. II
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- Collected Works, Bd. X
John Galt gelangt auf einem ungewöhnlichen Weg in Utilitarianism: durch ein einziges Wort. In einer eigenen Fussnote zu Kapitel II erklärt Mill, er habe den Ausdruck utilitarian nicht erfunden, sondern aus einer beiläufigen Formulierung in Galts Roman Annals of the Parish übernommen. Er habe Grund zu glauben, selbst der Erste gewesen zu sein, der das Wort tatsächlich in Gebrauch gebracht habe. Utilitarianism, Kapitel II, CW X, S. 209–210 Anm. – Robson/OLL
Galts 1821 erschienener Roman ist die fiktive Chronik des schottischen Pfarrers Micah Balwhidder. Dieser warnt seine Gemeinde davor, das Christentum zu verlassen und «Utilitarians» zu werden. Der Begriff erscheint bei Galt also nicht als philosophische Selbstbezeichnung, sondern in einem kritisch-ironischen religiösen Zusammenhang. John Galt, The Annals of the Parish – Project Gutenberg
Sprachgeschichtlich irrte Mill allerdings mit seiner Vermutung eigener Priorität. Jeremy Bentham hatte utilitarian bereits vor Galts Roman und vor Mills späterem Gebrauch verwendet. Mills Fussnote bleibt trotzdem aufschlussreich: Sie dokumentiert nicht den tatsächlichen Ursprung des Wortes, sondern die Quelle, aus der Mill selbst es nach eigener Aussage übernahm.
Editorisch ist die Stelle eindeutig. Die Galt-Bemerkung ist eine Fussnote Mills selbst und bereits in der ersten Buchausgabe von Utilitarianism von 1863 enthalten.
Weiterführend: John Galt, The Annals of the Parish – Project Gutenberg – der Primärtext, aus dem Mill den Ausdruck nach eigener Aussage übernahm.
Wilhelm von Humboldt
1767–1835 · PREUSSISCHER GELEHRTER, SPRACHFORSCHER UND POLITISCHER DENKER
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- On Liberty · Kap. III, V
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- Collected Works, Bd. XVIII
Noch bevor On Liberty beginnt, steht Humboldt über dem ganzen Werk. Mill setzt ihm als Motto einen Satz voran, nach dem alle Argumente der Schrift auf die «absolute and essential importance of human development in its richest diversity» zulaufen. Das Zitat stammt aus Joseph Coulthards englischer Übersetzung von Humboldts The Sphere and Duties of Government. On Liberty, Motto – Robson/OLL
In Kapitel III kehrt Mill ausdrücklich zu Humboldt zurück. Das Ziel des Menschen bestehe nach Humboldt in der möglichst hohen und harmonischen Entwicklung seiner Kräfte; dafür brauche es vor allem Freiheit und eine Vielfalt von Lebenslagen. Mill greift diesen Gedanken für seine eigene Verteidigung der Individualität auf. Menschen sollen ihre Fähigkeiten und Lebensformen unterschiedlich entwickeln können, statt durch gesellschaftlichen Konformitätsdruck in dieselbe Form gebracht zu werden. On Liberty, Kapitel III, CW XVIII, S. 261 – Robson/OLL
Humboldt hatte die Schrift bereits 1791/92 ausgearbeitet. Vollständig erschien sie jedoch erst postum 1852. Joseph Coulthards englische Übersetzung The Sphere and Duties of Government folgte 1854 – wenige Jahre vor On Liberty. The Sphere and Duties of Government, Ausgabe von 1854 – Online Library of Liberty
In Kapitel V greift Mill Humboldt noch einmal auf. Nun geht es um rechtliche Bindungen in persönlichen Beziehungen. Humboldt vertritt die Auffassung, Verpflichtungen, die persönliche Beziehungen oder Dienstleistungen betreffen, sollten nicht unbegrenzt rechtlich bindend sein; als wichtigsten Fall nennt Mill die Ehe. Dabei übernimmt er Humboldts Schluss nicht einfach ungeprüft, sondern weist ausdrücklich darauf hin, dass die Frage komplizierter sei, als Humboldts knappe Behandlung erkennen lasse.
Humboldt ist damit einer der wenigen Autoren, die On Liberty nicht bloss als historische Beispiele begleiten. Mill verwendet seine Gedanken unmittelbar für die eigene Theorie menschlicher Entwicklung und setzt sich zugleich kritisch mit ihnen auseinander.
Weiterführend: Wilhelm von Humboldt, The Sphere and Duties of Government – Online Library of Liberty – das von Mill zitierte Werk und die direkte Grundlage des Mottos sowie mehrerer Humboldt-Bezüge in On Liberty.
Jesus von Nazaret
CA. 4 V. CHR.–ZWISCHEN 29 UND 34 N. CHR. · JÜDISCHER LEHRER UND ZENTRALE GESTALT DES CHRISTENTUMS
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- On Liberty & Utilitarianism · Kap. II
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- Collected Works, Bde. XVIII und X
Kaum eine positive Bezugnahme in Utilitarianism ist prägnanter. Wenn Mill erklärt, dass beim utilitaristischen Massstab nicht das eigene Glück des Handelnden, sondern das Glück aller Betroffenen zählt, beruft er sich ausdrücklich auf die Goldene Regel Jesu von Nazaret. In ihr lese man, schreibt Mill, den «complete spirit of the ethics of utility»: andere so zu behandeln, wie man selbst behandelt werden möchte, und den Nächsten wie sich selbst zu lieben. Utilitarianism, Kapitel II, CW X, S. 218 – Robson/OLL
Die beiden von Mill verbundenen Formeln entsprechen im Matthäusevangelium der Goldenen Regel in Mt 7,12 und dem Gebot der Nächstenliebe in Mt 22,39, das seinerseits Lev 19,18 aufnimmt.
In On Liberty ist sein Verhältnis zu Jesus differenzierter. Dort kritisiert Mill die Vorstellung, die historisch entwickelte christliche Moral enthalte bereits die vollständige moralische Wahrheit. Seine Kritik richtet er jedoch ausdrücklich nicht in gleicher Weise gegen die überlieferten Lehren Jesu. Von den «doctrines and precepts of Christ himself» grenzt er sie ausdrücklich ab. Nach Mill enthalten die aufgezeichneten Aussprüche Jesu Wesentliches und sind mit einer umfassenden Moral vereinbar; er hält sie aber nicht für ein vollständiges System, das alle Bestandteile höchster Moral selbst ausformuliert. On Liberty, Kapitel II, CW XVIII, S. 255–257 – Robson/OLL
Jesus erfüllt bei Mill damit zwei verschiedene argumentative Funktionen. In Utilitarianism steht seine Goldene Regel für die geforderte Unparteilichkeit zwischen eigenem und fremdem Wohlergehen. In On Liberty dient die Unterscheidung zwischen den Jesusworten und einer später ausgebildeten christlichen Morallehre dazu, Mills These zu stützen, dass selbst grosse moralische Traditionen nicht als abgeschlossene Gesamtheit aller Wahrheit behandelt werden sollten.
Die Lebensdaten Jesu lassen sich historisch nur annähernd bestimmen. Besonders das genaue Todesdatum ist nicht sicher rekonstruierbar. Helen K. Bond kommt zu dem vorsichtigen Ergebnis, historisch lasse sich mit grösserer Sicherheit lediglich ein Tod um das Passahfest zwischen 29 und 34 n. Chr. ansetzen.
Weiterführend: Helen K. Bond, «Dating the Death of Jesus: Memory and the Religious Imagination», New Testament Studies 59/4 (2013), S. 461–475 – Cambridge Core – zur historischen Datierung, bei der im Eintrag bewusst auf scheinbare Präzision verzichtet wird.
Samuel Johnson
1709–1784 · ENGLISCHER SCHRIFTSTELLER, LITERATURKRITIKER UND LEXIKOGRAPH
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- On Liberty · Kap. II
- Textgrundlage
- Collected Works, Bd. XVIII
Darf Wahrheit verfolgt werden, wenn Verfolgung angeblich nur dazu dient, ihre Widerstandskraft zu prüfen? In Kapitel II von On Liberty führt Mill Samuel Johnson als Vertreter einer solchen Position an. Gegner religiöser Freiheit könnten, schreibt er, sogar behaupten, die Verfolger der frühen Christen seien im Recht gewesen: Verfolgung sei eine Prüfung, durch die Wahrheit hindurch müsse und die sie letztlich erfolgreich bestehe. Mill weist diesen Gedanken entschieden zurück. On Liberty, Kapitel II, CW XVIII, S. 237–239 – Robson/OLL
Hinter Mills Verweis steht kein philosophischer Traktat Johnsons. James Boswell berichtet in seiner Life of Johnson von einer Unterhaltung am 7. Mai 1773 über religiöse Toleranz. Johnson vertritt dabei die Auffassung, der Magistrat dürfe öffentlich vertretene Lehren unterdrücken, die er für falsch und gefährlich halte. Als ihm entgegengehalten wird, damit seien auch die Verfolger der ersten Christen gerechtfertigt, antwortet Johnson, religiöse Wahrheit könne durch Märtyrertum erwiesen werden und es gebe möglicherweise keinen anderen Weg als Verfolgung auf der einen und ihr Erdulden auf der anderen Seite. James Boswell, Life of Johnson, Gespräch vom 7. Mai 1773 – Project Gutenberg
Mills Darstellung ist deshalb als Zusammenfassung und Zuspitzung der bei Boswell überlieferten Position zu lesen, nicht als wörtliches Johnson-Zitat. Auch Boswells Text selbst ist keine stenographische Mitschrift des Gesprächs, sondern seine spätere literarische Überlieferung.
Für Mills Argument ist Johnson ein besonders scharfes Gegenbeispiel. Wenn Verfolgung legitim wäre, weil Wahrheit sie angeblich überleben müsse, würde der Erfolg einer Lehre mit ihrer Wahrheit verwechselt und die Verantwortung der Verfolger relativiert. Genau das bestreitet Mill. Wahre Auffassungen können unterdrückt, ihre Vertreter getötet und ganze Bewegungen aus dem öffentlichen Leben verdrängt werden. Verfolgung ist daher kein vernünftiger Wahrheitsprüfstein.
Weiterführend: James Boswell, The Life of Samuel Johnson, Gespräch vom 7. Mai 1773 – Project Gutenberg – die von Robson identifizierte Überlieferung, auf der Mills Verweis auf Johnson beruht.
Immanuel Kant
1724–1804 · DEUTSCHER PHILOSOPH DER AUFKLÄRUNG
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- Utilitarianism · Kap. I, V
- Textgrundlage
- Collected Works, Bd. X
Kant ist in Utilitarianism einer der wichtigsten philosophischen Gegenpole Mills. Gleich im ersten Kapitel greift Mill den kategorischen Imperativ an. Kant verlangt, vereinfacht gesagt, dass eine Handlungsregel so beschaffen sein müsse, dass sie als allgemeines Gesetz gelten könne. Mill hält diese Begründung für unzureichend: Kant zeige seiner Ansicht nach nicht, dass unmoralische Maximen logisch widersprüchlich seien, sondern nur, dass ihre allgemeine Befolgung unerwünschte Folgen hätte. Utilitarianism, Kapitel I, CW X, S. 207 – Robson/OLL
In Kapitel V kehrt Mill zu Kant zurück. Nun deutet er dessen Prinzip noch deutlicher über das gemeinsame Interesse der Menschen. Eine Regel, die von allen vernünftigen Wesen angenommen werden könne, müsse nach seiner Lesart letztlich auch ihre Folgen für alle berücksichtigen. Utilitarianism, Kapitel V, CW X, S. 249 – Robson/OLL
Das ist Mills Interpretation Kants, nicht ein unstrittiger Befund der Kant-Forschung. Gerade die Frage, welche Art von Widerspruch der kategorische Imperativ erzeugen soll, wird unterschiedlich interpretiert. Die Stanford Encyclopedia of Philosophy bezeichnet Mill als möglicherweise ersten Philosophen, der Kants Universalisierungsprinzip ausdrücklich in einer solchen folgenorientierten Weise las.
Auch die Quellenlage ist nicht ganz einfach. Mill bezeichnet die betreffende Schrift als «Metaphysics of Ethics». Robson identifiziert die Bezugsschrift mit Kants Grundlegung zur Metaphysik der Sitten. In Mills erhaltener Bibliothek ist jedoch kein Exemplar nachgewiesen; Robson hält es für wahrscheinlich, dass Mill die von ihm verwendete Formulierung des kategorischen Imperativs bei Samuel Taylor Coleridge fand. Ein unmittelbarer Rückgriff Mills auf ein eigenes Exemplar der Grundlegung lässt sich deshalb nicht sicher belegen.
Weiterführend: Stanford Encyclopedia of Philosophy, «Kant’s Moral Philosophy», Abschnitt «Teleology or Deontology?» – zur von Mill vertretenen folgenorientierten Lesart des kategorischen Imperativs.
Karl der Grosse
747/748–814 · KÖNIG DER FRANKEN UND KAISER
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- On Liberty · Kap. I
- Textgrundlage
- Collected Works, Bd. XVIII
Ausgerechnet in On Liberty erklärt Mill unter bestimmten Bedingungen Despotismus für legitim. Sein Freiheitsprinzip gelte nicht für Gesellschaften, die nach seinem Entwicklungsmodell noch nicht zur Verbesserung durch «free and equal discussion» fähig seien. Bis dahin bleibe ihnen, schreibt er, nur der Gehorsam gegenüber einem Akbar oder Karl dem Grossen – sofern sie das Glück hätten, einen solchen Herrscher zu finden. On Liberty, Kapitel I, CW XVIII, S. 224 – Robson/OLL
Karl dient hier nicht als Gegenstand einer historischen Untersuchung. Mill setzt ihn als Beispiel innerhalb seiner Rechtfertigung eines Despotismus ein, der tatsächlich auf gesellschaftliche «improvement» gerichtet sein und dieses Ziel auch erreichen müsse. Seine positive Einordnung Karls ist damit Teil von Mills eigener Theorie gesellschaftlicher Entwicklungsstufen.
Sie darf nicht als neutrale historische Gesamtbewertung Karls gelesen werden. Seine Herrschaft war mit weitreichenden politischen und kulturellen Veränderungen verbunden, zugleich aber auch mit militärischer Expansion und gewaltsamer Unterwerfung. Besonders die Eroberung Sachsens zwischen 772 und 804 und die anschliessende Christianisierung zeigen, wie viel komplexer der historische Befund ist als Mills knappe Beispielsetzung.
Weiterführend: Stanford Encyclopedia of Philosophy, «John Stuart Mill» – zur Ausnahme für Akbar und Karl den Grossen innerhalb von Mills Begründung individueller Freiheit und zu ihrer Verbindung mit seinem utilitaristischen Entwicklungsdenken.
Karl II. von England
1630–1685 · KÖNIG VON ENGLAND, SCHOTTLAND UND IRLAND
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- On Liberty · Kap. IV
- Textgrundlage
- Collected Works, Bd. XVIII
Moralischer Zwang kann nach Mill gerade das Verhalten attraktiver machen, das er verhindern soll. In Kapitel IV von On Liberty beschreibt er, wie Menschen mit ausgeprägtem unabhängigem Charakter gegen aufgezwungene Vorstellungen von Besonnenheit oder Mässigung rebellieren können. Als Beispiel nennt er die «fashion of grossness», die zur Zeit Karls II. auf die «fanatical moral intolerance of the Puritans» gefolgt sei. On Liberty, Kapitel IV, CW XVIII, S. 282 – Robson/OLL
Karl II. dient dabei vor allem als zeitliche Markierung der englischen Restauration nach 1660. Mill behauptet nicht, der König habe diese Entwicklung persönlich verursacht. Sein Beispiel illustriert vielmehr einen gesellschaftlichen Mechanismus: Wird moralische Kontrolle als bedrückend erlebt, kann das demonstrative Überschreiten der Norm selbst zum Zeichen von Unabhängigkeit werden.
Eine auffällig libertine Hofkultur unter Karl II. ist historisch gut belegt. Zeitgenossen reagierten unter anderem auf die offene Missachtung gesellschaftlicher und sexueller Konventionen am Hof. Mills Abfolge von puritanischer Intoleranz und anschliessender «grossness» bleibt jedoch eine zugespitzte Kausaldeutung. Die kulturellen Entwicklungen der Restaurationszeit hatten komplexere politische, gesellschaftliche und literarische Voraussetzungen und lassen sich nicht auf eine einzige Gegenreaktion reduzieren.
Weiterführend: Margaret J. M. Ezell, «Enacting Libertinism: Court Performance and Literary Culture» – Oxford Academic – zur Hof- und Libertinismuskultur unter Karl II., auf die Mills «fashion of grossness» verweist.
John Knox
UM 1514–1572 · SCHOTTISCHER REFORMATOR UND PREDIGER
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- On Liberty · Kap. II, III
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- Collected Works, Bd. XVIII
John Knox erscheint in On Liberty zweimal – und jedes Mal aus einem anderen Grund.
In Kapitel II beschäftigt Mill die Frage, warum religiöse Überzeugungen ihren lebendigen Gehalt verlieren können. Selbst bei ernsthaft Gläubigen seien oft gerade jene Lehren besonders gegenwärtig, die von Calvin, Knox oder ähnlichen, ihnen zeitlich und charakterlich näherstehenden Personen geprägt worden seien. Solche konfessionell unterscheidenden Lehren würden häufiger angegriffen und müssten deshalb auch häufiger bewusst verteidigt werden. Die allgemein anerkannten Aussprüche Jesu könnten daneben leichter zu bloss übernommenen Formeln werden. On Liberty, Kapitel II, CW XVIII, S. 249 – Robson/OLL
In Kapitel III erhält Knox eine andere Funktion. Mill stellt «Pagan self-assertion» und «Christian self-denial» einander gegenüber und schreibt: «It may be better to be a John Knox than an Alcibiades, but it is better to be a Pericles than either.» Knox fungiert hier als Vergleichsfigur für Eigenschaften der Selbstregierung und moralischen Strenge, die Mill nicht verwirft, aber für sich allein als unvollständig betrachtet. Sein Ideal verbindet solche Eigenschaften mit Individualität, Kraft und freier Entwicklung. On Liberty, Kapitel III, CW XVIII, S. 266 – Robson/OLL
Beide Stellen sind rhetorische Verwendungen Knox’. Sie ergeben keine vollständige historische Charakterisierung des schottischen Reformators. Vor allem darf Mills unmittelbar vorausgehende Beschreibung einer «Calvinistic theory» nicht einfach Satz für Satz auf den historischen Knox übertragen werden.
Weiterführend: Jonathan Riley, «Mill’s Greek Ideal of Individuality», in John Stuart Mill: A British Socrates, 2013, S. 97–125 – Springer – unmittelbar zu Mills Gegenüberstellung von John Knox, Alkibiades und Perikles und zum dahinterstehenden Ideal menschlicher Entwicklung.
Konstantin der Grosse
UM 272–337 · RÖMISCHER KAISER
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- On Liberty · Kap. II
- Textgrundlage
- Collected Works, Bd. XVIII
Ein «bitter thought» nennt Mill die Vorstellung, das Christentum hätte sich möglicherweise anders entwickelt, wenn es unter Marcus Aurelius statt unter Konstantin vom Römischen Reich angenommen worden wäre. Die Bemerkung steht in Kapitel II von On Liberty, unmittelbar nachdem Mill Marcus Aurelius als aussergewöhnlich vernünftigen und moralisch hochstehenden Herrscher dargestellt hat, der dennoch die Verfolgung von Christen zuliess. On Liberty, Kapitel II, CW XVIII, S. 237 – Robson/OLL
Konstantin dient hier als Gegenfigur. Mill entwickelt keine eigentliche Analyse seiner Regierung, sondern formuliert eine kontrafaktische Vermutung über eine nicht eingetretene historische Möglichkeit. Wie sich das Christentum unter einem christlich gewordenen Marcus Aurelius tatsächlich entwickelt hätte, lässt sich historisch nicht feststellen.
Auch Mills historische Kurzform verlangt eine Präzisierung. Konstantins Regierung von 306 bis 337 markiert tatsächlich einen fundamentalen Wandel in der Stellung des Christentums: Aus kaiserlicher Feindseligkeit wurde intensive Unterstützung und Patronage. Zur offiziellen Religion des Römischen Reiches wurde das Christentum unter Konstantin jedoch nicht. Mills Formulierung, der christliche Glaube sei unter Konstantins «auspices» als «religion of the empire» angenommen worden, verdichtet daher einen längeren historischen Prozess und darf nicht als präzise staatsrechtliche Aussage gelesen werden.
Für Mills Freiheitsargument ist Konstantin ohnehin die Nebenfigur. Entscheidend ist sein Beispiel Marcus Aurelius: Selbst ein Herrscher, den Mill für aussergewöhnlich vernünftig und tugendhaft hält, kann sich bei der Unterdrückung einer vermeintlich gefährlichen Überzeugung schwer irren.
Weiterführend: Averil Cameron, «Constantine and the ‘peace of the church’», in The Cambridge History of Christianity, Bd. 1, S. 538–551 – Cambridge University Press – zur historischen Veränderung der Stellung des Christentums unter Konstantin und insbesondere zur wichtigen Unterscheidung zwischen kaiserlicher Förderung und einer erst später entstandenen offiziellen Reichsreligion.
John Locke
1632–1704 · ENGLISCHER PHILOSOPH UND POLITISCHER DENKER
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- On Liberty · Kap. V
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- Collected Works, Bd. XVIII
Locke erscheint in On Liberty an einer Stelle, an der es weniger um seine eigene Philosophie als um die Grenzen staatlicher Bildungspolitik geht. In Kapitel V befürwortet Mill eine gesetzliche Verpflichtung, Kindern einen bestimmten Mindestbestand allgemeinen Wissens zu vermitteln und diesen durch Prüfungen festzustellen. Weiterführende Prüfungen sollen dagegen freiwillig sein. Gerade auf umstrittenen Gebieten wie Religion, Politik oder Philosophie dürfe der Staat solche Prüfungen nicht benutzen, um bestimmte Überzeugungen als wahr vorzuschreiben.
Dafür wählt Mill Locke und Kant als Beispiel. Ein Student der Philosophie gewinne dadurch, dass er sowohl über Locke als auch über Kant geprüft werden könne, unabhängig davon, welchem von beiden er zustimme – oder ob er keinem folge. Unmittelbar danach nennt Mill einen Atheisten, der über die Argumente für das Christentum geprüft werden könne, ohne zu einem Glaubensbekenntnis verpflichtet zu werden.
Locke steht damit für einen wichtigen Unterschied: Eine Position zu kennen bedeutet nicht, sie für wahr halten zu müssen. Für Mill darf der Staat Kenntnisse feststellen und bescheinigen; auf strittigen Gebieten soll er jedoch nicht bestimmen, zu welchem Urteil ein Bürger gelangen muss. Die Locke-Nennung gehört deshalb unmittelbar zu Mills Versuch, Bildungspflicht und intellektuelle Freiheit miteinander zu verbinden.
Welche Schrift Lockes Mill hier besonders im Blick hatte, sagt er nicht. Die Stelle bietet daher keinen Grund, etwa An Essay Concerning Human Understanding oder die Two Treatises of Government als konkrete Quelle dieser Nennung auszugeben.
On Liberty, Kapitel V, CW XVIII, S. 303 – Robson/OLL Robson-Ausgabe bei OLL
Weiterführend: Elisabete Mendes Silva, «John Stuart Mill on Education and Progress», Anglo Saxonica 19/1 (2021), Art. 10 – insbesondere zu Mills öffentlichen Prüfungen und seiner Forderung, staatliche Bildungsaufsicht so zu begrenzen, dass sie keinen unzulässigen Einfluss auf umstrittene Überzeugungen ausübt. Direkt zum Artikel
Martin Luther
1483–1546 · DEUTSCHER THEOLOGE UND REFORMATOR
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- On Liberty · Kap. II
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- Collected Works, Bd. XVIII
«The Reformation broke out at least twenty times before Luther, and was put down.» Mit diesem Satz wendet sich Mill in Kapitel II von On Liberty gegen die Behauptung, Wahrheit werde sich auf Dauer zwangsläufig gegen Verfolgung durchsetzen. Unmittelbar danach nennt er Arnold von Brescia, Fra Dolcino, Savonarola, die Albigenser, Waldenser, Lollarden und Hussiten als Beispiele unterdrückter religiöser Bewegungen. Mit Luther markiert Mill in seiner Argumentation eine historische Zäsur: Auch «after the era of Luther» sei Verfolgung dort erfolgreich gewesen, wo sie konsequent genug betrieben wurde.
Luther dient Mill damit nicht als Beispiel für eine bestimmte theologische Lehre. Sein Name steht hier für jene Reformation des 16. Jahrhunderts, die sich in Teilen Europas dauerhaft politisch und institutionell behaupten konnte. Gerade der Gegensatz zu den vorher genannten Bewegungen trägt Mills Argument: Frühere Reformbestrebungen konnten unterdrückt werden; Wahrheit setzt sich für Mill also nicht kraft einer historischen Notwendigkeit von selbst durch.
Mills Formulierung von den «mindestens zwanzig» Reformationen vor Luther sollte allerdings nicht als präzise Zählung der modernen Geschichtswissenschaft übernommen werden. Die Forschung kennt zahlreiche spätmittelalterliche Reformbewegungen und wichtige Vorläufer, doch sie lassen sich nicht einfach als frühere Erscheinungsformen derselben protestantischen Reformation zusammenfassen. Besonders die Beziehungen Luthers zu Wyclif, Hus und dem Hussitismus zeigen sowohl historische Kontinuitäten als auch erhebliche theologische Unterschiede. Martin Wernisch weist darauf hin, dass Luther frühere Reformer kannte und insbesondere Jan Hus für sein eigenes Reformverständnis eine besondere Bedeutung erhielt.
On Liberty, Kapitel II, CW XVIII, S. 238 – Robson/OLL Robson-Ausgabe bei OLL
Weiterführend: Martin Wernisch, «Luther and Medieval Reform Movements, Particularly the Hussites», in The Oxford Handbook of Martin Luther’s Theology, S. 62–70 – genau zu der historischen Beziehung zwischen Luther und vorreformatorischen Reformbewegungen, die Mills knappe Formulierung voraussetzt. Direkt zu Oxford Academic
Marcus Aurelius
121–180 · RÖMISCHER KAISER UND STOISCHER PHILOSOPH
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- On Liberty · Kap. II
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- Collected Works, Bd. XVIII
Mill wählt Marcus Aurelius gerade deshalb als Beispiel, weil er ihn ausserordentlich hoch einschätzt. In Kapitel II von On Liberty zeichnet er Marcus als einen aussergewöhnlich gerechten und milden Herrscher und bezeichnet seine Schriften als das «highest ethical product of the ancient mind». Dann folgt der entscheidende Bruch: Eben dieser von Mill so hoch geschätzte Philosoph und Kaiser habe die Verfolgung des Christentums autorisiert.
Für Mill ist das ein Argument gegen die vermeintliche Unfehlbarkeit wohlmeinender Verfolger. Marcus habe das Christentum für falsch und für eine Gefahr der bestehenden gesellschaftlichen Ordnung gehalten. Wenn selbst ein Herrscher, den Mill als aussergewöhnlich gerecht, mild und philosophisch gebildet zeichnet, eine neue Lehre so grundlegend falsch beurteilen konnte, könne kein späterer Mensch guten Gewissens annehmen, seine eigene Gewissheit berechtige ihn zur Unterdrückung abweichender Meinungen. Das Beispiel gehört damit unmittelbar zum erkenntnistheoretischen Fundament von Mills Verteidigung der Meinungsfreiheit.
Historisch ist allerdings gerade Mills Formulierung «authorized the persecution of Christianity» genauer zu prüfen. Während der Herrschaft des Marcus Aurelius kam es zu Verfolgungen und Märtyrertoden von Christen, darunter das für das Jahr 177 überlieferte Verfolgungsgeschehen in Lyon, das durch den Brief der christlichen Gemeinden von Lyon und Vienne bekannt ist. Ob Marcus selbst jedoch eine neue oder systematische Christenverfolgung anordnete, ist umstritten.
Eine neuere Untersuchung von Narciso Santos Yanguas betont, dass keine erhaltene antike Quelle ausdrücklich ein allgemeines antichristliches Edikt aus der kaiserlichen Kanzlei belegt. Die bekannten Verfolgungen seien vielmehr im Rahmen der bereits unter Trajan und Hadrian entwickelten Rechtslage und einzelner lokaler Verfolgungsvorgänge zu verstehen.
Mills philosophisches Argument und sein historischer Befund müssen deshalb auseinandergehalten werden: Dass Christen unter Marcus verfolgt wurden, ist gesichert; wie weit Marcus persönlich dafür verantwortlich war, ist eine Forschungsfrage.
On Liberty, Kapitel II, CW XVIII, S. 236–237 – Robson/OLL Robson-Ausgabe bei OLL
Weiterführend: Narciso Santos Yanguas, «El emperador Marco Aurelio, ¿Perseguidor de los cristianos?», Helmántica 75/209 (2024), S. 143–170 – unmittelbar zur Frage, wie historisch belastbar Mills Zuschreibung einer von Marcus Aurelius autorisierten Christenverfolgung ist. Direkt zum Artikel
Maria I. von England
1516–1558 · KÖNIGIN VON ENGLAND UND IRLAND
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- On Liberty · Kap. II
- Textgrundlage
- Collected Works, Bd. XVIII
Hätte Maria I. länger gelebt, wäre der Protestantismus nach Mills Einschätzung wahrscheinlich auch in England beseitigt worden. Der Zusatz «most likely» ist entscheidend. Mill formuliert damit in Kapitel II von On Liberty eine kontrafaktische historische Einschätzung, keine eingetretene Tatsache. Zuvor hat er darauf verwiesen, dass der Protestantismus in Spanien, Italien, Flandern und im österreichischen Herrschaftsbereich zurückgedrängt worden sei. England dient ihm als weiteres Beispiel für seine These, dass konsequente Verfolgung eine Lehre tatsächlich aus dem öffentlichen Leben verdrängen kann.
Der reale historische Hintergrund ist Marias Regierungszeit von 1553 bis 1558. Unter ihr wurde die Verbindung der englischen Kirche mit Rom wiederhergestellt und die protestantische Religionspolitik der vorhergehenden Herrschaften rückgängig gemacht. Nach der Wiederbelebung der Häresiegesetze begann 1555 eine Verfolgung protestantischer Abweichler; während Marias Herrschaft wurden annähernd 300 Protestanten verbrannt.
Gerade die für Mills Argument entscheidende Frage ist historisch jedoch nicht abschliessend entschieden: Wie erfolgreich war Marias Repressionspolitik tatsächlich? Frederick E. Smith fasst 2026 eine weiterhin kontroverse Forschungslage zusammen. Eamon Duffy hatte argumentiert, die Verfolgung sei besser organisiert und erfolgreicher gewesen, als ältere Darstellungen annahmen. Viele Historiker halten den Nachweis eines langfristigen Erfolgs jedoch weiterhin für nicht erbracht und verweisen auch auf gegenläufige Wirkungen. Smith zeigt zugleich, dass zeitgenössische katholische Beobachter in Europa Marias Vorgehen teilweise durchaus als wirksam wahrnahmen.
Da Maria 1558 starb, kann Mills kontrafaktisches Szenario nicht als eingetretene historische Tatsache überprüft werden. Seine historische Plausibilität bleibt Gegenstand der Forschung.
On Liberty, Kapitel II, CW XVIII, S. 238 – Robson/OLL Robson-Ausgabe bei OLL
Weiterführend: Frederick E. Smith, «Nobody Expects the English Inquisition: Mary I’s Persecution of Protestants through European Eyes», The English Historical Review 141/609 (2026), S. 353–386 – unmittelbar zur für Mills Argument entscheidenden Forschungsfrage, wie wirksam Marias Protestantenverfolgung tatsächlich war. Direkt zu Oxford Academic
Harriet Taylor Mill
1807–1858 · BRITISCHE AUTORIN UND POLITISCHE DENKERIN
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- On Liberty · Kap. I
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- Collected Works, Bd. XVIII
Noch vor dem ersten Kapitel von On Liberty macht Mill eine aussergewöhnlich weitgehende Aussage über die Entstehung des Buches. Er widmet es der Erinnerung an jene Frau, die «the inspirer, and in part the author, of all that is best in my writings» gewesen sei. Ihren Namen nennt die Widmung nicht. Mit der anschliessenden Bezeichnung als seine «friend and wife» ist jedoch eindeutig Harriet Taylor Mill gemeint.
Mill geht noch weiter. Über On Liberty selbst schreibt er, das Werk gehöre «as much to her as to me». Zugleich schränkt er diese Aussage für die vorliegende Gestalt des Buches ein: Das Werk habe nur in unzureichendem Mass den Vorteil ihrer Revision erhalten. Einige besonders wichtige Abschnitte seien für eine weitere sorgfältige Überprüfung vorgesehen gewesen, zu der es nach ihrem Tod nicht mehr kommen konnte. Diese Angaben stehen in Mills eigener Widmung zu On Liberty und gehören damit unmittelbar zu unserem Quellenbestand; für diesen Eintrag ist kein Rückgriff auf die Autobiography erforderlich.
Wie genau Harriet Taylor Mills Anteil an einzelnen Gedanken, Sätzen oder Abschnitten des Werkes aussah, lässt sich aus der Widmung allein nicht rekonstruieren. Deshalb wäre es ebenso unzulässig, ihre Beteiligung zu ignorieren, wie ihr ohne weitere Belege bestimmte Passagen zuzuschreiben. Die moderne Forschung diskutiert das Ausmass ihrer Mitwirkung weiterhin.
Eine 2022 erschienene stylometrische Untersuchung von Christoph Schmidt-Petri, Michael Schefczyk und Lilly Osburg kommt zu dem vorläufigen Ergebnis, dass die sprachstatistischen Befunde für eine substanzielle Beteiligung Harriet Taylor Mills an der Formulierung von On Liberty sprechen. Die Autoren betonen zugleich, dass ihre Ergebnisse nicht abschliessend sind und keine hinreichend sichere Zuordnung konkreter Abschnitte zu Harriet Taylor Mill erlauben.
Die engste und sicherste Aussage lautet deshalb: Mill bezeichnet Harriet Taylor Mill als Inspirationsquelle und teilweise Autorin «all dessen, was das Beste in meinen Schriften ist». Über On Liberty selbst schreibt er, das Werk gehöre ebenso sehr ihr wie ihm. Wie ihre konkrete Arbeitsteilung aussah, bleibt Gegenstand der Forschung.
On Liberty, Widmung, CW XVIII, S. 216 – Robson/OLL Robson-Ausgabe bei OLL
Weiterführend: Christoph Schmidt-Petri, Michael Schefczyk & Lilly Osburg, «Who Authored On Liberty? Stylometric Evidence on Harriet Taylor Mill’s Contribution», Utilitas 34/2 (2022), S. 120–138 – eine unmittelbar auf die Autorschaftsfrage von On Liberty gerichtete, ausdrücklich als vorläufig verstandene stylometrische Untersuchung. Direkt zu Cambridge Core
Isaac Newton
1642–1727 · ENGLISCHER MATHEMATIKER, PHYSIKER UND NATURPHILOSOPH
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- On Liberty · Kap. II
- Textgrundlage
- Collected Works, Bd. XVIII
Newton erscheint in On Liberty nicht mit seinem ausgeschriebenen Namen, sondern in der eindeutigen Bezeichnung «the Newtonian philosophy». Mill führt sie in Kapitel II gerade als Beispiel einer Auffassung an, für deren Wahrheit besonders starke Gründe bestehen. Selbst wenn es nicht erlaubt wäre, die Newtonsche Naturphilosophie in Frage zu stellen, schreibt er, könnte die Menschheit ihrer Wahrheit nicht mit derselben Sicherheit vertrauen, wie sie es unter den Bedingungen offener Prüfung kann.
Newton dient Mill damit als besonders starkes Beispiel für eine ausserordentlich gut begründete Überzeugung. Die Möglichkeit des Widerspruchs ist für Mill nicht nur dann wertvoll, wenn eine Auffassung zweifelhaft oder wahrscheinlich falsch ist. Auch eine sehr gut bestätigte Lehre soll grundsätzlich kritisierbar bleiben. Dass Einwände immer wieder vorgebracht und geprüft werden können und dennoch scheitern, gehört selbst zu den Gründen, aus denen fehlbare Menschen berechtigt Vertrauen in eine Überzeugung gewinnen können.
Die erreichbare Sicherheit entsteht für Mill deshalb nicht dadurch, dass eine Lehre der Kritik entzogen wird, sondern gerade dadurch, dass die Möglichkeit ihrer Widerlegung offenbleibt. Das Newton-Beispiel gehört damit unmittelbar zu seinem erkenntnistheoretischen Argument für freie Diskussion.
Mill nennt Newton hier nicht mit ausgeschriebenem Namen; mit der Formulierung «Newtonian philosophy» ist seine Naturphilosophie jedoch eindeutig bezeichnet. Welche einzelne Theorie oder Schrift Newtons Mill dabei besonders im Blick hatte, sagt er nicht. Die Stelle bietet daher keinen Grund, etwa die Philosophiæ Naturalis Principia Mathematica, die Gravitationstheorie oder eine andere konkrete Lehre als unmittelbare Referenz auszugeben.
On Liberty, Kapitel II, CW XVIII, S. 232 – Robson/OLL
Weiterführend: Christopher Macleod, «Truth, Discussion, and Free Speech in On Liberty II», Utilitas 33/2 (2021), S. 150–161 – zur erkenntnistheoretischen Struktur von Mills Argument in Kapitel II und zur Frage, weshalb auch wahre Überzeugungen von fortgesetzter Diskussion profitieren. · Cambridge Core
Novalis
1772–1801 · DEUTSCHER SCHRIFTSTELLER UND PHILOSOPH DER FRÜHROMANTIK
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- Utilitarianism · Kap. II
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- Collected Works, Bd. X
Novalis erscheint in Kapitel II von Utilitarianism, als Mill auf den Einwand antwortet, Glück könne kein vernünftiges Ziel menschlichen Handelns sein, weil es überhaupt nicht erreichbar sei. Selbst wenn das Streben nach positivem Glück aussichtslos wäre, erwidert Mill, bliebe für den Utilitarismus die Verhinderung oder Verminderung von Unglück. Dieser Zweck bestehe jedenfalls so lange, wie die Menschheit weiterleben wolle und nicht Zuflucht nehme zu dem «simultaneous act of suicide recommended under certain conditions by Novalis».
Die drastische Anspielung markiert den äussersten Gegenfall zu Mills Argument. Mill diskutiert weder die Frühromantik im Allgemeinen noch Novalis’ Philosophie als Ganzes. Solange Menschen das menschliche Leben nicht kollektiv beenden wollen, bleibt zumindest die Verminderung von Leiden ein sinnvoller moralischer Zweck. Selbst unter der hypothetischen Annahme, dass positives Glück unerreichbar wäre, wäre der Utilitarismus für Mill deshalb nicht gegenstandslos.
Quellenkritisch ist allerdings gerade Mills Wort «recommended» vorsichtig zu behandeln. Robsons Apparat hält es für sehr wahrscheinlich, dass Mill die Anspielung über Thomas Carlyles Essay «Novalis» kannte. Carlyle erwähnt dort die Vorstellung eines allgemeinen gleichzeitigen Suizids der Menschheit; Robson führt den zugrunde liegenden Gedanken auf Novalis’ Die Lehrlinge zu Sais, Kapitel «Die Natur», zurück.
Dabei müssen die Ebenen getrennt bleiben. Mill selbst schreibt Novalis ausdrücklich eine solche «Empfehlung» unter bestimmten Bedingungen zu. Dass Carlyle die wahrscheinliche Vermittlungsquelle war, ist dagegen eine editorische Rekonstruktion Robsons. Ob Mills Zuspitzung den literarischen und philosophischen Charakter der ursprünglichen Novalis-Passage angemessen wiedergibt, ist damit ebenfalls noch nicht entschieden.
Utilitarianism, Kapitel II, CW X, S. 214 – Robson/OLL
Weiterführend: Thomas Carlyle, «Novalis», in Critical and Miscellaneous Essays – die von Robsons Apparat als wahrscheinliche Vermittlungsquelle für Mills Anspielung identifizierte Darstellung; zum ursprünglichen Gedanken verweist Robson auf Novalis, Die Lehrlinge zu Sais, Kapitel «Die Natur».
Robert Owen
1771–1858 · BRITISCHER SOZIALREFORMER UND SOZIALTHEORETIKER
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- Utilitarianism · Kap. V
- Textgrundlage
- Collected Works, Bd. X
Robert Owen erscheint in Kapitel V von Utilitarianism, als Mill zeigen will, dass auch der Begriff der Gerechtigkeit keineswegs zu einer einzigen unstrittigen moralischen Regel führt. Als Beispiel wählt er unterschiedliche Auffassungen darüber, wann Strafe gerecht sein kann. Manche hielten Strafe nur dann für gerecht, wenn sie dem Bestraften selbst nütze; andere erlaubten sie gerade zum Schutz anderer. «Mr. Owen» vertrete wiederum die Position, es sei überhaupt ungerecht zu bestrafen, weil der Straftäter seinen eigenen Charakter nicht geschaffen habe: Erziehung und Umstände hätten ihn zu dem gemacht, was er sei, und dafür sei er nicht verantwortlich.
Entscheidend ist, dass Mill Owen an dieser Stelle nicht einfach zustimmt. Gerade die Konkurrenz dieser Strafauffassungen gehört zu seinem Argument. Alle drei Positionen berufen sich auf Gerechtigkeitsgrundsätze, die für sich genommen plausibel wirken: Niemand solle ohne seine Zustimmung zum Nutzen anderer geopfert werden; Menschen dürften sich gegen Schädigungen verteidigen; und niemand solle für etwas bestraft werden, das er nicht vermeiden könne.
Mill erklärt ausdrücklich, dass sich dieser Konflikt nicht lösen lasse, solange man ausschliesslich auf «justice simply» zurückgreife. Owen fungiert damit als Gegenbeispiel zu der Vorstellung, unsere Gerechtigkeitsurteile bildeten von selbst ein eindeutiges und widerspruchsfreies moralisches System. Gerade der Konflikt verschiedener plausibler Gerechtigkeitsforderungen zwingt Mill dazu, nach einem tieferliegenden Massstab zu fragen.
Welche konkrete Schrift Owens Mill im Blick hatte, sagt er in Utilitarianism nicht. Seine Darstellung entspricht zwar Owens bekannter Auffassung, dass menschliche Charaktere stark durch Erziehung und soziale Umstände geformt werden. Ohne ausdrückliche Quellenangabe Mills sollte jedoch kein bestimmtes Werk Owens als unmittelbare Quelle dieser Nennung ausgegeben werden.
Utilitarianism, Kapitel V, CW X, S. 252 – Robson/OLL
Weiterführend: Aaron Zimmerman, «Bain’s Theory of Moral Judgment and the Development of Mill’s Utilitarianism», Utilitas 34/4 (2022), S. 409–427 – mit einer unmittelbaren Analyse der Owen-Passage und ihrer Funktion innerhalb von Mills Argument über konkurrierende Gerechtigkeitsauffassungen. · Cambridge Core
Paulus von Tarsus
CA. 5–CA. 67 N. CHR. · FRÜHCHRISTLICHER MISSIONAR UND APOSTEL
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- On Liberty · Kap. II
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- Collected Works, Bd. XVIII
Paulus erscheint in Kapitel II von On Liberty innerhalb eines besonders weitreichenden Abschnitts von Mills Argument über unvollständige Wahrheiten. Mill wendet sich gegen den Einwand, die christliche Moral könne nicht bloss eine Teilwahrheit sein, sondern müsse als vollständige moralische Lehre gelten. Das Neue Testament sei, so seine Gegenposition, gar nicht als vollständiger Moralkodex formuliert worden, sondern setze bereits bestehende moralische Vorstellungen voraus. In diesem Zusammenhang nennt er ausdrücklich «St. Paul».
Nach Mills Darstellung lehnt Paulus zwar eine bestimmte jüdische Ergänzung der Lehre Jesu ab, übernimmt seinerseits jedoch eine bereits vorhandene griechisch-römische Moral. Seine Ratschläge an Christen seien «in a great measure a system of accommodation» an diese bestehende Moral und reichten, so Mill, sogar bis zu einer «apparent sanction to slavery».
Paulus ist für Mill hier kein Beispiel für eine einzelne theologische Lehrfrage. Die Nennung unterstützt vielmehr seine umfassendere These, dass auch einflussreiche moralische Traditionen historisch mit bereits vorhandenen Normen verbunden sind und deshalb nicht ohne Weiteres als vollständige, aus sich selbst heraus entwickelte Moralsysteme verstanden werden können.
Gerade Mills Hinweis auf die Sklaverei verlangt jedoch eine saubere Trennung zwischen seiner eigenen Interpretation und der historischen Forschung zu Paulus. Mill nennt im Haupttext keinen bestimmten Paulusbrief. Robsons Hinweis auf Kolosser 3,22–4,1 ist eine editorische Anmerkung und darf nicht als Mill-eigene Quellenangabe ausgegeben werden.
Die moderne neutestamentliche Forschung beurteilt Paulus’ Verhältnis zur antiken Sklaverei als komplex. Mehrere häufig in diesem Zusammenhang herangezogene Briefe werden von einem grossen Teil der Forschung nicht zu den unbestritten echten Paulusbriefen gerechnet. Bei den weithin anerkannten Briefen bleiben unter anderem Galater 3,28, 1 Korinther 7,21–24 und der Philemonbrief; auch aus ihnen lässt sich keine einfache und unumstrittene Gesamtposition des historischen Paulus zur Institution der Sklaverei rekonstruieren.
Die engste Aussage ist deshalb entscheidend: Mill sieht in den paulinischen Ratschlägen eine weitgehende Anpassung an eine vorhandene griechisch-römische Moral und spricht von einer scheinbaren Sanktionierung der Sklaverei. Wie angemessen diese Interpretation historisch und exegetisch ist, muss davon getrennt beurteilt werden.
On Liberty, Kapitel II, CW XVIII, S. 254–255 – Robson/OLL
Weiterführend: Timothy Larsen, «Called Unto Liberty», in John Stuart Mill: A Secular Life, Oxford University Press 2018, S. 131–148 – zu On Liberty, Mills Verhältnis zu organisierter Religion und seiner Kritik der christlichen Moral, in deren Zusammenhang auch die Paulus-Passage steht. · Oxford Academic
Perikles
CA. 495–429 V. CHR. · ATHENISCHER POLITIKER UND STRATEGE
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- On Liberty · Kap. III
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- Collected Works, Bd. XVIII
«It may be better to be a John Knox than an Alcibiades, but it is better to be a Pericles than either.» Mit diesem Vergleich führt Mill Perikles in Kapitel III von On Liberty in seine Verteidigung der Individualität ein. Unmittelbar zuvor stellt er der christlichen Selbstverleugnung eine «Pagan self-assertion» gegenüber und spricht von einem griechischen Ideal der Selbstentwicklung. Dieses müsse sich mit dem platonischen und christlichen Ideal der Selbstregierung verbinden, dürfe von ihm aber nicht verdrängt werden.
In Mills Gegenüberstellung steht Alkibiades für ausgeprägte Selbstbehauptung, während Knox mit dem zuvor beschriebenen Ideal von Selbstverleugnung und Selbstregierung verbunden ist. Perikles bezeichnet die von Mill höher bewertete Verbindung. Ein «Pericles», schreibt Mill, könne das Wertvolle beider Seiten besitzen; ein heutiger Perikles würde nichts von dem Guten entbehren, das John Knox besessen habe.
Perikles ist hier allerdings nicht Gegenstand einer historischen Untersuchung seiner konkreten athenischen Politik. Mill diskutiert weder seine Rolle in der Demokratie Athens noch seine militärische oder politische Tätigkeit. Der Name fungiert vielmehr als exemplarische Gestalt innerhalb eines normativen Menschenbildes.
Unmittelbar nach dem Vergleich erklärt Mill, Individualität solle nicht zur Gleichförmigkeit abgeschliffen, sondern innerhalb der Grenzen entwickelt werden, welche die Rechte und Interessen anderer setzen. Damit verdichtet Perikles einen wichtigen Aspekt von Mills Freiheitsbegriff: Individualität bedeutet weder blosse Anpassung noch schrankenlose Eigenwilligkeit. Menschliche Entwicklung verlangt für Mill die Ausbildung eigener Fähigkeiten und Lebensformen, verbunden mit Selbstregierung und der Rücksicht auf andere.
Die unmittelbar vorausgehende Mill-eigene Fussnote «Sterling’s Essays» bezieht sich auf die Formulierungen «Pagan self-assertion» und «Christian self-denial», nicht auf die Identifikation Perikles’. Robsons Apparat präzisiert diese Quelle als John Sterlings Essay «Simonides».
On Liberty, Kapitel III, CW XVIII, S. 266 – Robson/OLL
Weiterführend: Jonathan Riley, «Mill’s Greek Ideal of Individuality», in Kyriakos N. Demetriou & Antis Loizides (Hg.), John Stuart Mill: A British Socrates, Palgrave Macmillan 2013, S. 97–125 – unmittelbar zu Mills Perikles-Beispiel und zur Verbindung von Selbstentwicklung und Selbstregierung. · SpringerLink
Platon
CA. 428/427–348/347 V. CHR. · GRIECHISCHER PHILOSOPH
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- On Liberty & Utilitarianism · Kap. I, III
- Textgrundlage
- Collected Works, Bde. XVIII und X
Platon erscheint gleich zu Beginn von Utilitarianism, wo Mill den Streit über die Grundlagen der Moral auf die antike Philosophie zurückführt. Als frühes Beispiel nennt er Platons Protagoras: Wenn der Dialog auf einem wirklichen Gespräch beruhe, habe der junge Sokrates gegenüber dem alten Protagoras eine «theory of utilitarianism» vertreten.
Mill liest den von Platon dargestellten Sokrates damit ausdrücklich als Vertreter einer utilitaristischen Position. Zugleich formuliert er selbst einen wichtigen Vorbehalt: «if Plato’s dialogue be grounded on a real conversation». Die Stelle ist also kein Beleg dafür, dass ein historisches Gespräch zwischen Sokrates und Protagoras tatsächlich in dieser Form stattgefunden hat, sondern zunächst Mills Interpretation eines platonischen Dialogs.
Auch die Bezeichnung der sokratischen Position als «utilitarianism» ist keine neutrale moderne Einordnung. Im späteren Teil des Protagoras lässt Platon Sokrates zwar Lust und Schmerz gegeneinander abwägen und eine Art Messkunst diskutieren. Ob Sokrates dabei selbst einen Hedonismus vertritt oder das Argument nur dialektisch verwendet, ist jedoch umstritten. J. L. Creed weist zudem darauf hin, dass der betreffende Gedankengang eher einen auf den Handelnden bezogenen Hedonismus als den modernen utilitaristischen Gedanken einer unparteiischen Berücksichtigung des Wohlergehens aller erkennen lässt.
In On Liberty erscheint Platon in einem anderen Zusammenhang. Dort spricht Mill vom «Platonic and Christian ideal of self-government», das sich mit dem griechischen Ideal der Selbstentwicklung verbinden müsse, dieses aber nicht verdrängen dürfe. Platon bezeichnet hier also nicht die Vorgeschichte des Utilitarismus, sondern einen Typus moralischer Selbstregierung innerhalb von Mills Ideal entwickelter Individualität.
Utilitarianism, Kapitel I, CW X, S. 205; zusätzlich On Liberty, Kapitel III, CW XVIII, S. 266 – Robson/OLL (Bd. X) · Robson/OLL (Bd. XVIII)
Weiterführend: Giovanni Giorgini, «Radical Plato: John Stuart Mill, George Grote and the Revival of Plato in Nineteenth-Century England», History of Political Thought 30/4 (2009), S. 617–646 – zu Mills besonderer Platonrezeption und seiner Einordnung Platons in die philosophischen Debatten des 19. Jahrhunderts. · JSTOR
Protagoras
CA. 490–CA. 420 V. CHR. · GRIECHISCHER PHILOSOPH UND SOPHIST
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- Utilitarianism · Kap. I
- Textgrundlage
- Collected Works, Bd. X
Protagoras erscheint gleich im ersten Absatz von Utilitarianism als Gegenfigur zum von Mill utilitaristisch gelesenen Sokrates. Mill erinnert daran, dass die Auseinandersetzung über das höchste Gut und das Kriterium von richtig und falsch bereits in der Antike geführt worden sei: Der junge Sokrates habe dem alten Protagoras gegenüber die «theory of utilitarianism» gegen die «popular morality of the so-called sophist» vertreten.
Bei Mill ist also nicht Protagoras der frühe Utilitarist. Er steht vielmehr für jene verbreitete Moral, gegen die Sokrates nach Mills Deutung argumentiert. Wie bei Platon muss jedoch berücksichtigt werden, dass Mill selbst offenlässt, ob der Dialog auf einem tatsächlich geführten Gespräch beruht.
Auch Mills Ausdruck «so-called sophist» sollte nicht als einfache moderne Klassifikation gelesen werden. Die sogenannten Sophisten bildeten keine einheitliche philosophische Schule, und Protagoras’ eigene Lehren sind nur fragmentarisch und überwiegend durch spätere Autoren überliefert.
Ebenso ist Mills Bezeichnung der sokratischen Position als «utilitarianism» eine interpretierende Zuschreibung. Die Forschung beschreibt den betreffenden Gedankengang im Protagoras häufig eher als hedonistisch; J. L. Creed argumentiert ausdrücklich, dass er nicht ohne Weiteres mit modernem Utilitarismus gleichgesetzt werden kann.
Utilitarianism, Kapitel I, CW X, S. 205 – Robson/OLL
Weiterführend: J. L. Creed, «Is it Wrong to Call Plato a Utilitarian?», The Classical Quarterly 28/2 (1978), S. 349–365 – insbesondere zur von Mill herangezogenen hedonistischen Argumentation im Protagoras und zur Frage, ob sie tatsächlich als utilitaristisch bezeichnet werden kann. · Cambridge Core
Jean-Jacques Rousseau
1712–1778 · GENFER PHILOSOPH, SCHRIFTSTELLER UND POLITISCHER DENKER
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- On Liberty · Kap. II
- Textgrundlage
- Collected Works, Bd. XVIII
Rousseau erscheint in Kapitel II von On Liberty als Musterbeispiel für Mills These, dass auch eine einseitige und teilweise irrige Position Wahrheiten enthalten kann, die der herrschenden Meinung fehlen. Im 18. Jahrhundert, so Mills Darstellung, hätten die Gebildeten die moderne Zivilisation sowie die Fortschritte von Wissenschaft, Literatur und Philosophie weitgehend bewundert. Rousseaus Paradoxien seien «like bombshells» in diese selbstgewisse Auffassung eingeschlagen und hätten sie gezwungen, sich neu zusammenzusetzen.
Bemerkenswert ist, dass Mill Rousseau damit keineswegs insgesamt Recht gibt. Die herrschende Auffassung habe mehr positive Wahrheit und erheblich weniger Irrtum enthalten als Rousseaus eigene Position. Rousseau habe jedoch gerade jene Wahrheiten sichtbar gemacht, die ihr fehlten. Mill nennt insbesondere den Wert eines einfacheren Lebens sowie die schwächende und demoralisierende Wirkung gesellschaftlicher Zwänge und Heuchelei.
Rousseau wird damit zu einem Musterfall für Mills Theorie der Teilwahrheiten. Meinungsfreiheit ist nicht nur deshalb notwendig, weil eine Minderheit vollständig recht haben könnte. Häufiger liegt die Wahrheit auf verschiedene miteinander konkurrierende Positionen verteilt. Eine zugespitzte Gegenposition kann deshalb intellektuell wertvoll sein, obwohl sie als Gesamtlehre stärker irrt als die vorherrschende Auffassung.
Mill nennt an dieser Stelle kein bestimmtes Werk Rousseaus. Besonders naheliegend ist der Discours sur les sciences et les arts von 1750, der die Annahme eines notwendigen Zusammenhangs zwischen wissenschaftlich-kulturellem und moralischem Fortschritt frontal angreift. Die zusätzlich von Mill hervorgehobene Kritik an gesellschaftlicher Künstlichkeit und einem Verlust einfacher Lebensformen weist jedoch über eine einzige Rousseau-Schrift hinaus.
On Liberty, Kapitel II, CW XVIII, S. 253 – Robson/OLL
Weiterführend: Piers Norris Turner, «Mill on Rousseau on the Sciences and Morality», in Audrey L. Anton (Hg.), The Bright and the Good: The Connection between Intellectual and Moral Virtues, Rowman & Littlefield 2018, S. 169–182 – unmittelbar zu Mills Rousseau-Deutung und zum Verhältnis von wissenschaftlichem, intellektuellem und moralischem Fortschritt.
Girolamo Savonarola
1452–1498 · ITALIENISCHER DOMINIKANER, PREDIGER UND RELIGIÖSER REFORMATOR
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- On Liberty · Kap. II
- Textgrundlage
- Collected Works, Bd. XVIII
Savonarola erscheint in Kapitel II von On Liberty in einer Reihe religiöser Reformbewegungen und Reformgestalten, die Mill als Beispiele erfolgreicher Unterdrückung anführt. Nach Arnold von Brescia und Fra Dolcino heisst es knapp: «Savonarola was put down.» Danach folgen die Albigenser, Waldenser, Lollarden und Hussiten.
Savonarola steht hier nicht für eine bestimmte theologische Lehre. Sein Beispiel soll zeigen, dass eine religiöse oder reformatorische Bewegung durch genügend starke Verfolgung gewaltsam zurückgedrängt werden kann. Für Mill besitzt Wahrheit keine automatische historische Garantie, sich gegen ihre Unterdrücker durchzusetzen.
Historisch darf «Savonarola was put down» jedoch nicht als vollständige Auslöschung von Savonarolas Wirkung verstanden werden. Savonarola wurde 1498 verhaftet und gemeinsam mit zwei Mitbrüdern hingerichtet; seine unmittelbare politische Wirksamkeit in Florenz war damit beendet. Seine Anhänger, seine religiösen Vorstellungen und die Savonarolanische Bewegung bestanden jedoch über seinen Tod hinaus fort.
Mills knappe Formulierung bezeichnet daher für sein Argument vor allem die erfolgreiche gewaltsame Ausschaltung Savonarolas als handelnder Person, nicht das vollständige Verschwinden seiner Ideen.
On Liberty, Kapitel II, CW XVIII, S. 238 – Robson/OLL
Weiterführend: Lorenzo Polizzotto, The Elect Nation: The Savonarolan Movement in Florence 1494–1545, Oxford University Press 1994 – zur Entstehung, politischen Bedeutung und Fortwirkung jener Bewegung, die hinter Mills knapper Formulierung «Savonarola was put down» steht. · Oxford Academic
Joseph Smith
1805–1844 · AMERIKANISCHER RELIGIONSGRÜNDER UND ANFÜHRER DER FRÜHEN BEWEGUNG DER HEILIGEN DER LETZTEN TAGE
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- On Liberty · Kap. IV
- Textgrundlage
- Collected Works, Bd. XVIII
Mill nennt Joseph Smith im Haupttext von On Liberty nicht mit Namen. Mit dem «prophet and founder» des Mormonismus, der von einem Mob getötet worden sei, ist er jedoch eindeutig gemeint. Robsons Apparat bestätigt die Identifikation ausdrücklich als Joseph Smith.
Mill selbst beurteilt den Mormonismus ausgesprochen negativ und spricht von einem «palpable imposture». Gerade deshalb ist das Beispiel für sein Freiheitsargument besonders deutlich: Schutz vor Verfolgung hängt für Mill nicht davon ab, ob er eine Religion für wahr, vernünftig oder kulturell wertvoll hält. Er verweist darauf, dass der Mormonismus Märtyrer hervorgebracht habe, sein Gründer von einem Mob getötet worden sei und seine Anhänger gewaltsam vertrieben worden seien.
Historisch ist Mills Formulierung, Smith sei «for his teaching» von einem Mob getötet worden, allerdings zu einfach. Joseph Smith und sein Bruder Hyrum wurden am 27. Juni 1844 im Gefängnis von Carthage, Illinois, von einem bewaffneten Mob getötet. Die Eskalation verband religiöse Feindschaft mit lokaler Politik, Smiths erheblicher Machtstellung in Nauvoo, innerkirchlicher Opposition und rechtlichen Konflikten. Unmittelbar zuvor hatte die Zerstörung der Druckerpresse des oppositionellen Nauvoo Expositor die Krise zusätzlich verschärft. Mills Formulierung gibt damit einen realen Verfolgungskontext wieder, reduziert aber eine komplexe historische Kausalkette auf Smiths religiöse Lehre.
Smith selbst ist für Mills anschliessende Argumentation nur der historische Ausgangspunkt. Der eigentliche Grenzfall ist die mormonische Polygamie. Mill lehnt sie ungewöhnlich scharf ab und sieht darin eine direkte Verletzung des Freiheitsprinzips gegenüber Frauen. Trotzdem bestreitet er aussenstehenden Gesellschaften das Recht, eine weit entfernte Gemeinschaft gewaltsam zur eigenen Lebensweise zu zwingen, solange sie keine Aggression nach aussen begeht und Menschen die Gemeinschaft verlassen können.
Gerade diese Verbindung aus innerer Freiheitsverletzung und äusserer Nichtintervention macht die Passage zu einer der schwierigsten Anwendungen von Mills Freiheitsprinzip. Sein Argument verlangt hier nicht Zustimmung zur mormonischen Lebensordnung, sondern die Frage, unter welchen Bedingungen die Ablehnung einer Praxis überhaupt ein Recht auf gewaltsames Eingreifen begründet.
On Liberty, Kapitel IV, CW XVIII, S. 290–291 – Robson/OLL
Weiterführend: Jeremy Waldron, «Mill and Multiculturalism», in C. L. Ten (Hg.), Mill’s On Liberty: A Critical Guide, Cambridge University Press 2009, S. 165–184 – mit einer ausführlichen Analyse des mormonischen Polygamie-Beispiels und der Spannung zwischen individueller Freiheit, freiwilliger Zugehörigkeit, interner Unterdrückung und äusserer Zwangsintervention. · Cambridge Core
Sokrates
CA. 470/469–399 V. CHR. · GRIECHISCHER PHILOSOPH
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- On Liberty & Utilitarianism · Kap. I, II
- Textgrundlage
- Collected Works, Bde. XVIII und X
Sokrates gehört zu den Personen, auf die Mill in On Liberty und Utilitarianism in besonders unterschiedlichen Zusammenhängen zurückgreift. In Kapitel II von On Liberty führt er ihn mit der eindringlichen Wendung ein, es habe «once a man named Socrates» gegeben. Gerade ein Mann, den Mill ausserordentlich hoch einschätzt, sei von seinen Mitbürgern wegen «impiety and immorality» zum Tod verurteilt worden. Mit «immorality» fasst Mill dabei insbesondere den überlieferten Vorwurf der Verderbnis der Jugend zusammen. Historisch ist der Kern gesichert: Sokrates wurde 399 v. Chr. wegen religiöser Verfehlungen und der Verderbnis der Jugend angeklagt, verurteilt und hingerichtet. Wie religiöse, politische und persönliche Faktoren seines Prozesses zu gewichten sind, bleibt dagegen Gegenstand historischer Forschung.
Für Mill ist gerade entscheidend, dass ein schweres Fehlurteil nicht voraussetzt, dass diejenigen, die es fällen, bewusst ungerecht handeln. Auch Menschen und Institutionen, die von der Richtigkeit ihrer moralischen oder religiösen Überzeugungen überzeugt sind, bleiben fehlbar. Der Prozess gegen Sokrates wird deshalb zu einem besonders starken Beispiel gegen das Vertrauen darauf, gesellschaftliche oder staatliche Autorität könne abweichende Auffassungen allein aufgrund ihrer eigenen Gewissheit legitim unterdrücken.
Wenig später kehrt Mill zu Sokrates zurück. «Socrates was put to death», schreibt er, doch die «Socratic philosophy rose like the sun in heaven». Damit nimmt er seine vorherige These nicht zurück, Wahrheit werde durch Verfolgung keineswegs automatisch gerettet. Der Fall zeigt vielmehr, dass die Tötung eines Menschen die spätere Wirkung seines Denkens nicht notwendig verhindern kann. Zugleich warnt Mill davor, mildere Formen gesellschaftlicher Intoleranz zu unterschätzen: Auch ohne Hinrichtungen können abweichende Auffassungen aus dem offenen geistigen Leben verdrängt werden.
Eine weitere Funktion erhält Sokrates gegen Ende desselben Kapitels. Mill nennt die «Socratic dialectics», wie sie in Platons Dialogen vorgeführt werden, als Modell einer negativen Prüfung. Wer bloss die Gemeinplätze einer übernommenen Lehre wiederholt, soll durch Einwände und Gegenfragen erkennen, welche Teile der eigenen Auffassung noch unverstanden oder unbegründet sind. Für Mill ist kontroverse Diskussion deshalb nicht nur zur Korrektur falscher Meinungen notwendig; sie verhindert auch, dass richtige Überzeugungen zu blossen Formeln erstarren.
In Utilitarianism erscheint Sokrates nochmals in zwei anderen Rollen. Gleich zu Beginn schreibt Mill, der junge Sokrates habe – sofern Platons Protagoras auf einem wirklichen Gespräch beruhe – gegenüber dem alten Protagoras eine «theory of utilitarianism» vertreten. Wie bereits bei Platon und Protagoras ist dies als Mills Interpretation des platonischen Sokrates zu verstehen, nicht als gesicherte Aussage über den historischen Sokrates.
Noch bekannter ist Sokrates in Mills Argument über qualitative Unterschiede zwischen Freuden. Es sei, schreibt Mill, «better to be Socrates dissatisfied than a fool satisfied». Sokrates steht hier exemplarisch für ein Leben, in dem höher entwickelte geistige und menschliche Fähigkeiten ausgeübt werden. Eine solche Lebensweise kann anspruchsvoller und mit Unzufriedenheit verbunden sein; für Mill wird sie von Menschen, die beide Lebensformen aus eigener Erfahrung beurteilen können, dennoch nicht gegen eine vollständigere Befriedigung auf einer niedrigeren Ebene eingetauscht. Sokrates ist damit nicht bloss Märtyrer freier Diskussion, sondern auch eine exemplarische Figur entwickelter menschlicher Fähigkeiten.
On Liberty, Kapitel II, CW XVIII, S. 235, 239 und 251–252; Utilitarianism, Kapitel I, CW X, S. 205, sowie Kapitel II, S. 212 – Robson/OLL – Collected Works XVIII · Robson/OLL – Collected Works X
Weiterführend: Frederick Rosen, «J.S. Mill on Socrates, Pericles and the Fragility of Truth», The Journal of Legal History 25/2 (2004), S. 181–194 – unmittelbar zu Mills Verwendung von Sokrates und Perikles und zur Bedeutung ihrer Beispiele für seine Vorstellung einer stets gefährdeten Wahrheit. Artikel bei Taylor & Francis
Herbert Spencer
1820–1903 · ENGLISCHER PHILOSOPH UND SOZIALTHEORETIKER
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- Utilitarianism · Kap. V
- Textgrundlage
- Collected Works, Bd. X
Herbert Spencer erscheint in Utilitarianism in zwei aufeinander bezogenen, von Mill selbst verfassten Fussnoten zu Kapitel V. In der ersten setzt Mill sich mit Spencers Social Statics auseinander. Spencer hatte argumentiert, dass die utilitaristische Forderung einer unparteiischen Berücksichtigung des Glücks aller bereits ein vorausliegendes Prinzip gleicher Ansprüche auf Glück voraussetze. Mill widerspricht: Dass gleiche Mengen von Glück unabhängig davon, bei welcher Person sie auftreten, gleich wünschenswert seien, sei keine fremde Voraussetzung des Utilitarismus, sondern gehöre zum Nutzenprinzip selbst.
Diese erste Fussnote war bereits in der Zeitschriftenfassung von 1861 vorhanden. Zwischen dieser Veröffentlichung und der Buchausgabe wandte Spencer sich jedoch privat an Mill, weil er nicht als Gegner des Utilitarismus verstanden werden wollte. Mill reagierte darauf und ergänzte für die Buchausgabe von 1863 eine zweite Fussnote. Sie dokumentiert damit einen direkten Austausch zwischen beiden Denkern.
Nach Mills Wiedergabe erklärte Spencer, auch für ihn sei Glück das letzte Ziel der Moral. Die Differenz betreffe vor allem die Methode, mit der bestimmt werden könne, welche Handlungen Glück oder Unglück hervorbringen. Spencer wollte dies nicht allein aus beobachteter Erfahrung verallgemeinern, sondern aus den «laws of life» und den «conditions of existence» ableiten. Mill antwortet bemerkenswert zustimmend: Mit Ausnahme des Wortes «necessarily» habe er gegen diese Lehre keinen Einwand.
Mill hält allerdings daran fest, dass keine rein deduktive Herleitung aus allgemeinen Lebensbedingungen ausreicht. Ethische Erkenntnis verlangt für ihn ebenso die Prüfung durch konkrete Erfahrung. Die Ergebnisse beider Verfahren müssen einander bestätigen. Gerade diese Verbindung beschreibt er als «consilience of the results of both these processes».
Spencer fungiert deshalb nicht einfach als Gegner Mills. Die beiden Fussnoten dokumentieren vielmehr zunächst eine philosophische Differenz und anschliessend eine öffentliche Präzisierung nach persönlicher Intervention Spencers. In diesem methodischen Punkt zeigt sich eine erhebliche Annäherung, ohne dass damit die weiter bestehenden Unterschiede zwischen ihren moralischen und politischen Theorien verschwinden.
Utilitarianism, Kapitel V, CW X, S. 257–258, zwei Mill-eigene Fussnoten; die zweite Fussnote 1863 hinzugefügt – Robson/OLL – Collected Works X
Weiterführend: David Weinstein, «Deductive Hedonism and the Anxiety of Influence», Utilitas 12/3 (2000), S. 329–346 – zu Spencers utilitaristischer Methodik und zum Verhältnis seiner Position zu Mill und anderen britischen Utilitaristen. Artikel bei Cambridge Core
Edward Henry Stanley, Lord Stanley
1826–1893 · BRITISCHER POLITIKER, ZUR ZEIT VON ON LIBERTY UNTER DEM HÖFLICHKEITSTITEL LORD STANLEY BEKANNT
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- On Liberty · Kap. IV
- Textgrundlage
- Collected Works, Bd. XVIII
Lord Stanley erscheint in Kapitel IV von On Liberty innerhalb von Mills Diskussion über gesetzliche Alkoholprohibition. Die britische United Kingdom Alliance setzte sich für gesetzliche Einschränkungen beziehungsweise ein Verbot des Alkoholhandels ein. Mill verweist auf einen öffentlich gewordenen Briefwechsel zwischen dem Sekretär der Alliance, Samuel Pope, und Lord Stanley.
Stanley hatte eine Einladung der Alliance abgelehnt und dabei zwischen freiwilliger Mässigung und staatlich erzwungener Abstinenz unterschieden. Die freiwillige Temperenzbewegung unterstützte er; eine gesetzliche Unterdrückung des Alkoholhandels lehnte er ab. Mill äussert sich über Stanleys Stellungnahme ungewöhnlich anerkennend und sieht in ihm einen der wenigen englischen Politiker, deren politische Auffassungen tatsächlich von allgemeinen Prinzipien geleitet würden.
Für die folgende Argumentation ist eine Zuschreibung besonders wichtig. Die weitreichende Theorie eines «social right», die Mill anschliessend zitiert und scharf kritisiert, stammt nicht von Stanley. Mill leitet die Passage ausdrücklich mit «The Secretary, however, says» ein. Gemeint ist Samuel Pope, der Sekretär der United Kingdom Alliance. Pope formuliert unter anderem einen Anspruch auf moralische und intellektuelle Entwicklung ohne gesellschaftliche Einflüsse, die andere als schädlich ansehen.
Gerade diese Vorstellung eines gesellschaftlichen Rechts weist Mill zurück. Würde jeder Mensch das Recht besitzen, andere auf Grundlage der eigenen Vorstellung moralischer, intellektueller oder körperlicher Vervollkommnung zu zwingen, könnte nahezu jede individuelle Lebensweise zum Gegenstand gesellschaftlicher Kontrolle werden. Der Briefwechsel liefert Mill daher einen konkreten politischen Fall, an dem er die Ausdehnung des Schadensbegriffs auf bloss missbilligte indirekte Wirkungen zurückweist.
Die Rollenverteilung ist damit eindeutig: Stanley wird von Mill gelobt; die expansive Theorie gesellschaftlicher Rechte, die Mill kritisiert, gehört zur Gegenposition Samuel Popes und der Alliance. Mill nennt ihn «Lord Stanley»; gemeint ist Edward Henry Stanley, der den Höflichkeitstitel seit 1851 führte und 1869 als 15. Earl of Derby die Peerage erbte.
On Liberty, Kapitel IV, CW XVIII, S. 288 – Robson/OLL – Collected Works XVIII
Weiterführend: Edward Henry Stanley und Samuel Pope, The Stanley-Pope Discussion: Being the Entire Correspondence between Lord Stanley, M.P., and S. Pope, Esq., Hon. Sec. United Kingdom Alliance; with Remarks of the Leading Journals, Manchester 1856 – der Briefwechsel, auf den Mill unmittelbar Bezug nimmt. Die bibliographische Überlieferung bestätigt Ausgabe, Beteiligte und Erscheinungsjahr. Bibliographischer Nachweis bei CiNii Books
John Sterling
1806–1844 · BRITISCHER SCHRIFTSTELLER UND ESSAYIST
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- On Liberty · Kap. III
- Textgrundlage
- Collected Works, Bd. XVIII
John Sterling erscheint in On Liberty nur in einer kurzen Mill-eigenen Fussnote: «Sterling’s Essays.» Die Fussnote steht unmittelbar bei Mills Gegenüberstellung von «Pagan self-assertion» und «Christian self-denial».
Beide Wendungen finden sich bereits in Sterlings Essay «On Simonides», der in der postumen Sammlung Essays and Tales von 1848 veröffentlicht wurde. Sterling verbindet dort christliche Selbstverleugnung und heidnische Selbstbehauptung miteinander. Mill übernimmt damit nachweisbar die Wortpaarung, verwendet sie jedoch für seinen eigenen Gedankengang. Auf die beiden Begriffe folgen in On Liberty das griechische Ideal der Selbstentwicklung, das platonische und christliche Ideal der Selbstregierung sowie der Vergleich zwischen Alkibiades, John Knox und Perikles.
Sterling ist deshalb eine konkrete textliche Quelle für zwei markante Formulierungen in Mills Kapitel über Individualität. Daraus sollte jedoch nicht geschlossen werden, Mills gesamtes griechisches Ideal oder seine Theorie der Individualität stamme von Sterling.
Auch der Editionsstatus ist eindeutig zu trennen: Mill selbst schreibt lediglich «Sterling’s Essays». Die genauere Identifikation des Verweises mit John Sterling und dem Essay «On Simonides» stammt aus Robsons editorischem Apparat. Die Ausgabe von Essays and Tales führt den Essay ab S. 188.
On Liberty, Kapitel III, CW XVIII, S. 266, Mill-eigene Fussnote – Robson/OLL – Collected Works XVIII
Weiterführend: John Sterling, «On Simonides», in Essays and Tales, hg. von Julius Charles Hare, Bd. I, London 1848, ab S. 188; die für Mill einschlägige Passage steht zu Beginn des Essays – unmittelbare Quelle der Gegenüberstellung von «Christian self-denial» und «Pagan self-assertion». Essays and Tales bei Google Books
Alexis de Tocqueville
1805–1859 · FRANZÖSISCHER POLITISCHER DENKER UND HISTORIKER
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- On Liberty · Kap. III
- Textgrundlage
- Collected Works, Bd. XVIII
Tocqueville erscheint in Kapitel III von On Liberty an einer Stelle, an der Mill vor zunehmender gesellschaftlicher Gleichförmigkeit warnt. Europa habe seinen Fortschritt gerade einer historischen Vielfalt von Charakteren, Lebensweisen und gesellschaftlichen Bedingungen verdankt. Diese Vielfalt sieht Mill in der modernen Welt zunehmend gefährdet.
In diesem Zusammenhang beruft er sich ausdrücklich auf «M. de Tocqueville». Dieser habe in seinem «last important work» bemerkt, wie viel stärker die Franzosen der Gegenwart einander ähnelten als noch die Menschen der vorhergehenden Generation. Mill nennt das Werk selbst nicht beim Titel. Robsons Apparat identifiziert es als Tocquevilles L’Ancien Régime et la Révolution von 1856.
Mill übernimmt Tocquevilles Beobachtung und verschärft sie unmittelbar: Für England gelte dasselbe «in a far greater degree». Die anschliessende Erklärung stammt dann von Mill selbst. Verschiedene gesellschaftliche Gruppen lebten zunehmend unter ähnlichen Bedingungen, läsen und hörten dieselben Dinge, besuchten dieselben Orte und richteten Hoffnungen und Ängste auf dieselben Gegenstände. Politische Veränderungen, Bildung, Handel und verbesserte Kommunikation tragen für ihn zu dieser Angleichung bei.
Unmittelbar verbindet Mill die Diagnose mit Wilhelm von Humboldts Vorstellung, menschliche Entwicklung benötige zwei Voraussetzungen: Freiheit und eine Vielfalt der Situationen. Gerade die zweite Bedingung nehme ab. Tocquevilles Beobachtung liefert Mill damit empirisches Material für sein eigenes Argument: Individualität braucht nicht nur die formale Freiheit, anders leben zu dürfen, sondern auch unterschiedliche Lebensbedingungen, in denen verschiedene Charaktere, Erfahrungen und Lebensentwürfe entstehen können.
Die Stelle sollte nicht zu der weitergehenden Behauptung ausgeweitet werden, On Liberty sei lediglich eine Fortsetzung Tocquevilles. Tocquevilles Demokratiediagnose gehört zweifellos zu Mills intellektuellem Hintergrund; die ausdrückliche Personennennung in diesem Register bleibt jedoch die konkrete Passage auf CW XVIII, S. 274.
On Liberty, Kapitel III, CW XVIII, S. 274 – Robson/OLL – Collected Works XVIII
Weiterführend: Frederick Rosen, Mill, Oxford University Press 2013, Kapitel 8, insbesondere «The Legacy of Tocqueville», ab S. 152 – zu Reichweite und Bedeutung von Tocquevilles Einfluss innerhalb von Mills politischem Denken. Bibliographischer Nachweis zu Frederick Rosens Mill
